Darf man vor dem Sterben fliehen?

Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen

Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen.
Wer ist, der uns Hilfe bringt, dass wir Gnad erlangen?
Das bist du, Herr, alleine. Uns reuet unsre Missetat,
die dich, Herr, erzürnet hat.
Heiliger Herre Gott, heiliger starker Gott, heiliger barmherziger Heiland,
du ewiger Gott: Lass uns nicht versinken in des bittern Todes Not. Kyrieleison.

Mitten in dem Tod anficht uns der Hölle Rachen.
Wer will uns aus solcher Not frei und ledig machen?
Das tust du, Herr, alleine.
Es jammert dein Barmherzigkeit unsre Klag und großes Leid.
Heiliger Herre Gott, heiliger starker Gott,
heiliger barmherziger Heiland, du ewiger Gott:
Lass uns nicht verzagen vor der tiefen Hölle Glut. Kyrieleison.

Mitten in der Hölle Angst unsre Sünd’ uns treiben.
Wo solln wir denn fliehen hin, da wir mögen bleiben?
Zu dir, Herr Christ, alleine. Vergossen ist dein teures Blut,
das g’nug für die Sünde tut. Heiliger Herre Gott, heiliger starker Gott, heiliger barmherziger Heiland, du ewiger Gott:
Lass uns nicht entfallen von des rechten Glaubens Trost. Kyrieleison.

Martin Luther 1524

Leben in Zeiten der Pest

In Krisenzeiten versuchen wir uns zu orientieren und fragen uns, wie es weitergehen wird. Solche Zeiten gab es schon immer im Laufe der Menschheitsgeschichte. Zu Beginn der Neuzeit wütete in Deutschland die Pest. Wo sie auftrat, tötete sie unzählige Menschen. Man begegnete dem Tod auf Schritt und Tritt. Die Angst vor dem jähen Tod, der nicht einmal erlaubte, seine Sünden zu bereuen, machte den Menschen zu schaffen. Die Angst vor dem Tod „mors subita“ ergriff alle Gesellschaftsschichten, so heißt es von Kaiser Maximilian I., er habe in den letzten sieben Jahren seines Lebens auf seinen Reisen stets einen Sarg mitführen lassen. Wer auf Reisen ging, der fragte in seinen Briefen an die Daheimgebliebenen, wer seit seiner Abreise verstorben sei. Es ist solch ein Lebensgefühl das Martin Luther in seinem Lied: „Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen,“ eindringlich und glaubhaft beschrieben hat. Gevatter Tod war allgegenwärtig und keiner schien ihm Einhalt gebieten zu können.

Im Laufe seines Lebens begegnete Martin Luther immer wieder der Pest. Als sie im Jahre 1527 in Wittenberg wütete, wurde die dortige Universität, an der Luther lehrte, nach Jena evakuiert. Doch Luther blieb als einziges Mitglied des Lehrkörpers, zusammen mit Bugenhagen, dem Stadtpfarrer in Wittenberg. Er blieb auch, nachdem der Kurfürst ihn ausdrücklich aufgefordert hatte, der Universität zu folgen, weil sie seinen Rat nicht entbehren könne. Luther ließ sich aber nicht abhalten und pflegte auch weiterhin den Umgang mit Kranken und Sterbenden. In einem Brief an seinen Freund Spalatin schrieb er über jene Zeit:

„Die Pest fängt hier zwar an, aber sie ist hinlänglich gnädig; aber es herrscht unter den Leuten eine merkwürdige Furcht und Flucht. In der ganzen Pestzeit bis heute gab es nicht über 18 Begräbnisse; jene in der Stadt befindlichen, Mädchen, Kinder und alle gezählt, dazugerechnet. Allerdings wütete sie in der untern Fischerstadt heftiger. Heute begruben wir die Frau von Tilo Denes, des Bürgermeisters von Wittenberg, die gestern fast in meinen Armen verschied.“

Im Angesicht des großen Sterbens und der Auswirkungen der Pest wandte sich der Reformator Schlesiens Johann Heß im Namen seiner Amtsbrüder an Luther mit der Frage, wie man sich in einer solchen Anfechtung verhalten solle. Also griff Martin Luther zur Feder. Er schrieb unter dem Eindruck der Pest, aber es ging ihm um noch Grundsätzlicheres, nämlich um die Frage, „ob man sich durch Flucht einer Todesgefahr entziehen dürfe, gleich woher sie komme, ob man vor der Anfechtung fliehen dürfe oder sich ihr stellen müsse.“ Die Ansicht, auf die sich Luther damals bezog, ist für uns heute nicht sofort verständlich. Denn für uns ist es selbstverständlich unser Leben zu schützen und zu retten. Wir würden normalerweise alles daran setzen Gefahren zu meiden und wie im Augenblick gerade zu unserem Schutz Masken tragen und die Hände waschen. Keiner würde sich wider besseres Wissen in Gefahr bringen, auch nicht in Ansteckungsgefahr.

Für uns sind Krankheiten und Epidemien höhere Gewalt, gegen die wir uns nur bedingt schützen können, aber keine Strafe Gottes, wie zu Luthers Zeiten. Vor 500 Jahren gab es auf die Frage, was die Ursache der Pest sei, nur eine verbürgte Antwort: „Unsere Sünden als Unglaub, Ungehorsam und Undankbarkeit,“ so formulierte etwa der Nürnberger Prediger Osiander. Martin Luther sah das auch so. In der Absicht „vor dem Sterben nicht zu fliehen“, könnte man also eine fromme Haltung entdecken, oder auch eine bußfertige Ergebenheit Gott gegenüber. Gerade die, denen als Seelsorger, als Regierung oder Prediger besondere Aufgaben zukommen würden, sollten im Angesicht der Gefahr nicht fliehen sondern bleiben. Prediger und Seelsorger, seien schuldig, in Sterbens- und Todesnöten zu stehen und zu bleiben, gemäß den Worten der Bibel: (Joh. 10, 12): »Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe; der Mietling aber sieht den Wolf kommen und flieht.« Im Sterben so Luther, bedürfe man des geistlichen Amtes am allerhöchsten, das mit Gottes Wort und Sakrament die Gewissen stärke und tröste, den Tod im Glauben zu überwinden.

Doch auch Nachbarschaftshilfe ist gefragt und Familien sollten einander in Krisenzeiten beistehen. Kein Nachbar solle vom andern fliehen, wenn die Kranken nicht versorgt werden könnten. Denn in solchen Fällen sei das Wort Christi Matthäus 25,43 zu fürchten: „Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich nicht besucht“. „Durch dieses Wort sind wir alle aneinander gebunden, daß keines das andere in seinen Nöten verlassen soll, sondern schuldig ist ihm beizustehen und zu helfen, wie er wollte, daß ihm selber geholfen würde.“

Wenn aber die Pflege der Kranken sichergestellt ist, spricht nichts dagegen sich in Sicherheit zu bringen und zu schützen. „Denn Sterben und Tod zu fliehen und das Leben zu retten ist natürlich, von Gott eingepflanzt und nicht verboten, wo es nicht wider Gott und den Nächsten ist. Ja, es ist geboten, daß ein jeglicher seinen Leib und sein Leben bewahre und nicht verwahrlose.

Luther schließt mit dem Gedanken: „Wo nun das Sterben hinkommt, da sollen wir, die da bleiben, uns rüsten und trösten, besonders die wir aneinander verbunden sind, daß wir uns nicht verlassen noch voneinander fliehen können.

Für ihn ist die Pest zwar zweifellos eine Strafe Gottes, aber zugleich auch eine Bewährungsprobe, die unseren Glauben und unsere Liebe wecken kann und soll. „Den Glauben, auf daß wir sehen und erfahren, wie wir uns gegen Gott stellen wollen, die Liebe aber, auf daß man sehe, wie wir uns gegen den Nächsten stellen wollen.“

In Krisen so würde ich Luther verstehen, erweist sich unsere Fähigkeit Hoffnung zu stiften und in Liebe füreinander dazu sein. Die Pandemie ist keine Strafe Gottes, aber sie ist eine Herausforderung die Art wie wir leben zu prüfen und gegebenenfalls etwas zu ändern. Krisen zeigen uns an, dass wir etwas ändern müssen, aber auch, dass wir etwas ändern können. Sie deuten nicht nur auf Gefahren sondern auch auf neue Möglichkeiten: „wie wir uns Gott gegenüber stellen wollen oder wie wir für unsere Nächsten dasein wollen.“

Herzliche Grüße Ihr Pfarrer Peter Lehwalder

Klagegebet um Zuversicht

Guter und barmherziger Gott, sich suchen wir in diesen schweren Zeiten, in Dir suchen wir Hoffnung und Zuversicht, etwas das bleibt und mit uns geht, uns tröstet und aufrichtet, jeden Tag von Neuem.
Unsicherheiten bedrängen uns, niemand weiß genau was kommt und wie es weitergeht. Ich bin mir nicht sicher, bin ich schon infiziert, stecke ich vielleicht ungewollt andere an, wird es auch mich treffen?
Wie lange wird es noch so weitergehen, auf was muss ich lange verzichten, welche Dinge muss ich missen? Wann werden wir wieder zu unserem alltäglichen leben zurückkehren können, zu unserem normalen Leben, das zwar nicht immer schön ist, aber doch meistens Halt bietet und Spaß macht?
Wie geht es mit meinem Geschäft weiter, meiner Arbeit, wird es Hilfen geben, kann ich die Zeit irgendwie überbrücken, wird mir jemand dabei helfen?
Mein Herz ist jetzt oft schwer. Es gibt viele Fragen, aber wenig Antworten. Meine Seele ist unruhig in mir. Deshalb hoffe ich auf Dich, Gott, dass du mir hilfst und uns allen. Schenk uns Geduld und Trost und ebenso Mut und Zuversicht, denn im Leben und im Sterben sind wir in deiner Hand.

Amen