Karfreitag – die Kreuzigung

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.
Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht,
und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.
Unsere Väter hofften auf dich;
und da sie hofften, halfst du ihnen heraus.
Zu dir schrien sie und wurden errettet,
sie hofften auf dich und wurden nicht zuschanden.
Herr, sei meine Stärke,
eile mir zu helfen.

Psalm 22

Der Karfreitag ist der Überlieferung nach der Todestag Jesu. An diesem Tag fand der Prozess, die Hinrichtung und die Beerdigung von Jesus in Jerusalem statt. Pilatus, der römischer Statthalter, sprach Jesus wahrscheinlich des Landfriedensbruchs für schuldig und verurteilte ihn zur Kreuzigung. Vielleicht geht es Ihnen genauso wie mir. Täglich betrachte ich die Zahl der Neuansteckungen und der Toten. Sie nimmt ständig zu. Überall auf der Welt gibt es Tote und ein Ende ist nicht abzusehen. Wir bereiten uns auf das Schlimmste vor und versuchen es zu vermeiden, doch die Epidemie fordert Opfer. Menschen müssen sterben und jeder von uns muss einen Preis zahlen. Schlimm finde ich, dass wir den Sterbenden nur aus der Ferne zuschauen können, denn Besuche am Krankenbett sind so gut wie unmöglich geworden. Heime und Krankenhäuser werden geschlossen und Besuche sind nur noch in Ausnahmefällen gestattet. In Würde zu sterben, stelle ich mir anders vor. Es ist schmerzlich so verlassen zu sein von lieben und vertrauten Menschen, von allen guten Geistern und von Gott. Doch am Ende muss wohl jeder von uns den letzten Weg alleine gehen, in Mut und Verzweiflung, in Vertrauen und Zweifel.

Als Jesus gekreuzigt wurde war er auch allein. Verlassen und allein. Und doch ist er im Frieden gegangen, ohne Groll zu unserem Segen. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? (Matthäus 27,46) Und weiter: „Vater ich befehle meinen Geist in deine Hände!“ (Lukas 23,46) Ob man beides zur gleichen Zeit sagen kann ist fraglich. Vielleicht muss man erst die Verlassenheit akzeptieren und sich ganz loslassen, um sich ganz auf Gott einlassen zu können. Loszulassen heißt doch, die Kontrolle aus den Händen zu geben, in dem Glauben, dass Gott es gut mit uns meint und uns auffängt, wenn wir fallen. Was aus mir wird, wer ich war und was ich bin, liegt dann nicht länger in meiner Macht. Ich hoffe, ich habe Spuren hinterlassen, und die Menschen erinnern sich meiner in Liebe und mit einem Lächeln. Natürlich nicht alle. Manchen wird es auch egal sein, aber das zählt nicht. Wichtig ist, dass ich ein Teil der Liebe bleibe, mit der Gott die Welt geschaffen hat und bis auf den heutigen Tag erhält. Denn von dieser Liebe haben wir gelebt und werden wir auch in Zukunft leben.

Du bist ein Schatten am Tage
und in der Nacht ein Licht;
du lebst in meiner Klage
und stirbst im Herzen nicht.

Wo ich mein Zelt aufschlage,
da wohnst du bei mir dicht;
du bist mein Schatten am Tage
und in der Nacht mein Licht.

Wo ich auch nach dir frage,
find ich von dir Bericht,
du lebst in meiner Klage
und stirbst im Herzen nicht

Du bist ein Schatten am Tage
und in der Nacht ein Licht;
du lebst in meiner Klage
und stirbst im Herzen nicht.

Friedrich Rückert
Kategorien Ansprache Kirche Kirchenjahr

Hallo, ich heiße Peter Lehwalder und bin evangelischer Pfarrer. Ich liebe meine Arbeit und den Kontakt mit Menschen. In meiner Freizeit wandere ich gerne und laufe, ich mag Bücher und spiele Online-Rollenspiele. Ich bin neugierig auf Gott und die Welt.