Rufe mich an in der Not

Sechster Sonntag nach Ostern – Exaudi

Der Herr ist mein Licht und mein Heil;
vor wem sollte ich mich fürchten?
Der Herr ist meines Lebens Kraft;
vor wem sollte mir grauen?
Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe;
sei mir gnädig und antworte mir!
Mein Herz hält dir vor dein Wort:
Ihr sollt mein Antlitz suchen.
Darum suche ich auch, Herr, dein Antlitz.
Verbirg dein Antlitz nicht vor mir,
verstoße nicht im Zorn deinen Knecht!
Denn du bist meine Hilfe, verlass mich nicht
und tu die Hand nicht von mir ab,
du Gott meines Heils!
Denn mein Vater und meine Mutter verlassen mich,
aber der Herr nimmt mich auf.
Herr, weise mir deinen Weg
und leite mich auf ebener Bahn
um meiner Feinde willen.
Gib mich nicht preis dem Willen meiner Feinde!
Denn es stehen falsche Zeugen wider mich auf
und tun mir Unrecht.
Ich glaube aber doch, dass ich sehen werde
die Güte des Herrn im Lande der lebendigen.
Harre des Herrn!
Sei getrost und unverzagt und harre des Herrn!

Psalm 27

Herr, höre meine Stimme

Am Sonntag „Exaudi“ kommen wir auf das Hören und zuhören zu sprechen. Der Sonntag hat seinen Namen von Psalm 27 Vers 7 erhalten, in dem es heißt: „Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe. Sei mir gnädig und antworte mir.“ Das Gebet ist nachvollziehbar. Wenn Menschen sich an Gott wenden, dann hoffen sie erhört zu werden. Wo wir unsere kleinen und großen Anliegen, Sorgen und Wünsche vor Gott bringen, möchten wir, dass Gott uns Gehör schenkt. Auf unsere Fragen möchten wir eine Antwort, denn wenn sich das Gefühl einstellt, dass uns jemand hört, tröstet es uns und tut uns gut. Nichts ist glaube ich so schlimm, wie das Gefühl nicht wahrgenommen bzw. nicht gehört zu werden. Es macht uns ohnmächtig und raubt uns ein Stück unserer Würde und macht uns einsam.

Nicht immer werden wir erhört

Wahrscheinlich kennt jeder solche Erfahrungen, wo wir nicht gehört werden, und uns lautstark bemerkbar machen müssen, etwa bei der Notaufaufnahme im Krankenhaus, wenn wir einen Arzttermin ausmachen wollen und dann vertröstet werden, wenn wir einen Menschen von unseren lauteren Absichten überzeugen müssen, wenn wir umeinander werben und nach Hilfe rufen. Hört mich jemand?, ist dann die Frage, und damit verbunden, die weitergehende Frage, kannst du mich verstehen, weißt du, was ich meine, kannst du dir vorstellen, wie ich mich fühle, hörst du mich, den Klang meiner Worte und das was ich damit sagen will, meinen Schmerz, mein Glück, mein Anliegen.

Rufe mich an in der Not

„Herr, höre meine Stimme,“ so ist den Psalmen der Bibel schon immer gebetet worden. Es gibt kaum ein Psalm, der ohne diese Bitte auskommt. Wir erwarten von Menschen, dass sie auf uns hören und wir erwarten von Gott, dass er uns erhört. Wie auch immer, wir möchten, dass beim anderen etwas ankommt und erwarten darauf eine Reaktion. Es ist immer ein Verhältnis, das auf Gegenseitigkeit gegründet ist: Hören und Gehört werden. Es geht dabei immer um Kontakt und um Beziehung, um ein Band das uns verbindet. Wir rufen, beten, reden und schreien sogar manchmal, und suchen ein Gegenüber, das uns hört und ernstnimmt. Immer dann, wenn wir Gott anrufen, vertrauen wir darauf, dass er uns hört. In diesem Glauben bestärken uns die Psalmen der Bibel, in denen es u. a. heißt: „Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten, und du sollst mich preisen.“ (Psalm 50,15)

Resonanz ist gefragt

Oft geht es ja nur um ein Ja oder Nein, doch darüber hinaus geht es immer auch um Verständnis und um Einfühlung, um Resonanz. Resonanz entsteht physikalisch wenn durch die Schwingung des einen Körpers, auch die Eigenschwingung des anderen Körpers angeregt wird. Zwei Stimmgabeln z. B. kommen gleichzeitig zu klingen, auch wenn wir nur eine anschlagen, die andere schwingt dann von selbst mit. Oder wenn ich eine Seite der Gitarre zupfe, überträgt sich deren Schwingung auf den ganzen Gitarrenkörper. Resonanz entsteht. Vereinfacht ausgedrückt heißt das etwa, dass die Worte eines anderen mich berühren und dabei etwas in mir zum klingen und zum schwingen bringen. Wir schwingen sozusagen auf der gleichen Frequenz mit der gleichen Klangfarbe. Schwingungen sind Berührungen, die uns verbinden, eine Art Gleichklang, eine vielstimmige Harmonie.

Die Art wie wir mit der Welt umgehen

Resonanz bezeichnet die Art und Weise wie wir mit der Welt umgehen und wie wir mit ihr in Verbindung stehen. Ein einfaches Beispiel mag dies anschaulich machen. Die meisten Menschen gehen normalerweise gerne zur Arbeit. Und das nicht nur weil sie damit Geld zum Lebensunterhalt verdienen, sondern auch weil sie dadurch Lob, Anerkennung, Wertschätzung, Gemeinschaft, Freundschaft und Zufriedenheit erfahren. Wir bekommen also durch unsere Arbeit etwas zurück, wir erfahren Resonanz, wir erleben wie unsere Umwelt auf uns positiv reagiert und mitschwingt.

Was lebt ist ein Widerhall Gottes

Doch ob Bäcker, Pflegekräfte, Reinigungspersonal und Wissenschaftler, sobald sich die äußeren Umstände ändern und die Menschen in ihrer Arbeit durch Zeit- oder Kostendruck beschränkt werden, wird die Beziehung zur Welt und zur Arbeit einseitig, denn es kommt nichts mehr zurück, die Resonanz fehlt. Die Welt wird abweisend wahrgenommen und die Verhältnisse werden als ungerecht eingeschätzt. Es ist so als fänden die Signale, die wir aussenden nirgends Widerhall, so als ob unsere Stimme verhallte, als gäbe es kein Echo, als würde sie nicht weiter getragen. Doch als Menschen sind wir doch alle darauf angewiesen, dass wir verstanden werden, und dass das, was uns berührt auch andere berührt. Resonanz ist also so etwas wie ein neues Verständnis von Welt, dass sich von Natur und Begegnungen inspirieren lässt, statt auf Kontrolle und Effizienz zu setzen. Theologisch formuliert würde ich sagen, alles, was lebt ist wie ein Widerhall der Gedanken Gottes, und die Liebe des Lebens schwingt in allem Lebendigen auch in uns Menschen.

Der Wunsch gehört zu werden

Der Wunsch gehört zu werden, der Wunsch nach Resonanz ist uns also schon längst mit in die Wiege gelegt worden, bevor er in der Bibel unzählige Male aufgegriffen und wiederholt wurde. „Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe,“ wir möchten, dass Gott uns hört, und dass Gott nicht ungerührt und unberührt bleibt, von unseren Bitten und Sehnsüchten. Was aber, wenn Gott nicht hört, wenn es keine schnelle Hilfe oder Antwort gibt? Wenn die Resonanz fehlt? Darunter leiden wir persönlich und gesellschaftlich immer wieder, gerade auch in Krisenzeiten, wenn wir nicht genau sagen können, was richtig und falsch ist, was weiterhelfen wird und was nicht. Wenn wir das Gefühl haben, dass uns keiner zuhört, fühlen wir uns in unserer Suche nach Hilfe und Trost alleingelassen und unwichtig. Warum hört mich keiner? Warum sagt Gott nichts?

Warum sagt Gott nichts?

Leider weiß das keiner so genau. Vielleicht ist ja auch mit manchen Antworten nichts gewonnen, und schweigen ehrlicher als viele Worte. Es gibt nicht die Antwort auf alle unsere Fragen und wohl auch nicht die Hilfe für alle unsere Nöte. Und es gibt auch nicht den einzigen Plan für ein Leben oder das Rezept für Glück. Gott ist vielstimmig und klingt in uns allen auf verschiedene Weise, laut oder leise, hell oder dunkel, sanft und kraftvoll. Was Gott sagt, sagt er in uns, als unsere Stimme und als unser Schweigen. Es ist der Klang der Ewigkeit inmitten vergänglichen Lebens.

Wer Ohren hat zu hören, der höre

Dem Wunsch, dass Gott uns hört, ist deshalb dem anderen an die Seite gestellt, der uns auffordert zuzuhören, auf unser Herz und auf unsere innere Stimme zu achten. „Höre Israel“ beginnt ein altes Glaubensbekenntnis, und auf diese Weise wird auch uns, das Hören ans Herz gelegt, das Hören etwa auf die Gebote, die Leben ermöglichen sollen und das Hören, auf die um Hilfe bittenden Klagen meines Nächsten und das Hören, auf die Stimme Gottes in mir. Das Wort Gottes, so möchte es uns die Bibel glauben machen, soll in unser Fleisch und Blut übergehen, soll in uns Resonanz finden. Deshalb ist bei dem Propheten Jeremia davon die Rede, dass Gott seinen Bund in unser Herz geben will und in unseren Sinn schreiben will (Jeremia 31,33). Die Weisungen Gottes sollen nicht von außen oder von oben kommen, gewissermaßen vom Gesetzgeber erlassen, sondern sie sollen zu den unseren werden. Wir leben und handeln daher aus Überzeugung und innerer Einsicht, aber nicht, weil wir fremden Befehlen folgen würden. Was wir gehört haben, was an uns weitergegeben wurde, soll zu unserer eigenen Erfahrung werden, wir sollen selbst spüren, wie nahe und freundlich Gott ist. Dem göttlichen, das in uns ist, Stimme verleihen und das Leben zum Klingen bringen.

Gebet um Beistand

Komm zu uns, Gott.
Damit wir deine Kraft spüren.
Deinen Trost, Deine Freude, Deine Leichtigkeit.
Denn Du bist unsere Hoffnung,
von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Du Geist aus Gott,
sprich mit uns, wecke unser Vertrauen,
sind mit uns dein Lied,
lass deine Stimme in uns erklingen,
schenke uns wahre Worte,
Worte die tragen und heilen,
teile deine Liebe mit allen Menschen,
Führe uns auf dem Weg,
der von dir kommt und zu dir führt.
der aus Gott kommt und zu Gott geht.

Amen.
Kategorien Ansprache Gesellschaft Kirche Kirchenjahr

Hallo, ich heiße Peter Lehwalder und bin evangelischer Pfarrer. Ich liebe meine Arbeit und den Kontakt mit Menschen. In meiner Freizeit wandere ich gerne und laufe, ich mag Bücher und spiele Online-Rollenspiele. Ich bin neugierig auf Gott und die Welt.