Da hast du recht!

Liebe Gemeinde, wer möchte das nicht, klug sein, schön sein, reich sein? Wenn man es recht bedenkt, dreht sich ein Großteil unseres Lebens genau darum. Wir schätzen aneinander nicht nur die vermeintliche Schönheit eines anderen, sondern auch seine Klugheit. Wir bewundern die Intelligenz eines Menschen und anerkennen, „was der alles weiß, alle Achtung.“ Vor allem in der Schule ist Klugheit eine wichtige Voraussetzung dafür gute Noten zu bekommen und es dann auch später im Beruf weit zu bringen. Es gibt Bildungspläne, die unser Wissen vertiefen und vermehren sollen. Es gibt viele Tests, die uns zeigen sollen, wo wir gerade stehen und wie weit wir es mit unserer Klugheit inzwischen gebracht haben. Nicht zuletzt ist es ein gutes Gefühl von anderen für klug gehalten zu werden. Es macht uns stolz und zufrieden.

Allerdings ist das mit der Klugheit so eine Sache. Manche halten sich für klüger als sie sind, und andere wiederum machen sich dümmer als sie sind. Es gibt Klugheit, die macht die Menschen eitel und hochnäsig anderen gegenüber, und es gibt Klugheit, die macht demütig, nach dem Motto: Ich weiß, dass ich nichts weiß. Die Frage ist auch immer wie man Klugheit messen soll. Die Schulnoten reichen jedenfalls dafür nicht aus, sie sind bestenfalls Momentaufnahmen, die einen eng begrenzten Wissensstand mitteilen.

Lebenserfahrung, die klug gemacht hat und klug macht, ist glaube ich eher dazu geeignet, darüber zu befinden, was Klugheit für uns im Alltag und nicht nur in der Theorie bedeutet. Deshalb sprechen wir von unserer Lebenserfahrung, die uns einiges gelehrt hat, und uns bald auf die eine Weise klug gemacht hat, und zwar meistens durch unsere Fehler, die uns anschließend auf die Sprünge geholfen haben, wenn wir in der Lage waren, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Klugheit wie ich sie im Anschluss an die Bibel verstehe, ist also eine Weisheit, die aus Schaden klug geworden ist, und in der Lage ist aus Fehlern zu lernen. Sie ist nötig, um die kleinen und großen Probleme des Alltags lösen zu können und gleichzeitig soll sie auch dabei helfen ein verträgliches Miteinander der Menschen zu gestalten. Diese Art von Klugheit weiß um ihre Grenzen, sie ist nicht allmächtig, und immer auch von Unsicherheit und Zweifel begleitet und dem Risiko daneben zu liegen und etwas falsch zu machen. Doch dadurch sitzt sie auch nicht länger auf dem hohen Ross, sondern wahrt Demut, die ihr vor Gott und den Menschen gut zu Gesichte steht.

„Damit ihr euch nicht selbst für klug haltet,“ schreibt Paulus an die Römer, das kann man auch anders übersetzen und sagen: „damit ihr die Dinge nicht nur nach euren eigenen Maßstäben beurteilt (Bibel in gerechter Sprache).“ Damit würde ich nämlich meinem Gesprächspartner, weniger vorwurfsvoll begegnen, als wenn ich ihm auf den Kopf zu sagen würde, er solle sich nicht für klug halten. Das würde ich mir auch nicht gerne sagen lassen, auch wenn ich weiß, dass ich nicht immer so klug bin, wie ich gerne sein würde. Dass aber jeder so seine eigenen Maßstäbe und Meinungen hat, und damit die Sache wie auch immer subjektiv sieht, das kann ich ohne Scham und Ärger zugestehen.

„Damit ihr euch nicht selbst für klug haltet.“ Eine kleine jüdische Geschichte mag auf ironische Weise demonstrieren, worum es mir geht. Vielleicht sogar auf witzige Weise.
Zum Rabbi kommen zwei jüdische Männer, um ihren Streit schlichten zu lassen. Nachdem der erste seinen Standpunkt erläutert hat, sagt der Rabbi: „Du hast recht.“
Nachdem der zweite Mann seinen Standpunkt geschildert hat, sagt der Rabbi auch: „Du hast recht.“ Die Frau des Rabbis, die zugehört hatte, erwiderte: „Wenn einer von denen recht hat, kann doch der zweite nicht auch recht haben.“ Da antwortete ihr der Rabbi: „Da hast du auch recht.“

Ein bisschen klingt diese Geschichte so, wie wenn ein des Streites müde gewordener Ehemann zu seiner Ehefrau resigniert sagt: „Du hast recht, und ich habe meine Ruhe.“ Aber das ist nur eine beiläufige Nuance dieser Erzählung, denn es geht ja gar nicht um einen Ehestreit. Man könnte dem Rabbi auch Prinzipienlosigkeit vorwerfen, weil er ja offensichtlich allen nach dem Munde redet und jedem zustimmt und recht gibt. Auf den ersten Blick scheint es so und der Rabbi wirkt irgendwie wankelmütig und unschlüssig. Doch für mich ist diese Geschichte eine Variante des sich selbst nicht für klug Haltens.

Denn der Rabbi hört sich alles an und fällt dann ein Urteil. Ein vorläufiges Urteil und er ist auch bereit, dieses Urteil zu revidieren bzw. wieder neu zu fällen. Er lässt verschiedene Positionen zu Wort kommen, und findet anscheinend in jeder Position zustimmungswürdiges. Irgendwie haben alle Recht oder besser gesagt, alle haben ein berechtigtes Interesse, das es zu hören und zu würdigen gilt. Der Rabbi zeigt sich gegenüber seinen Gesprächspartnern offen und vorurteilsfrei. Er gesteht jedem eigene Bedürfnisse und Sichtweisen zu. Er kann allen recht geben, weil alle ja auch auf ihre Weise recht haben. Er betrachtet die Dinge, so wie es Paulus rät, nicht nur nach den eigenen Maßstäben, sondern sucht die Wahrheit auch in anderen Meinungen und Einstellungen.

In den jüdischen Schriften sind viele Teile so aufgebaut, dass einfach unterschiedliche Meinungen nacheinander dargestellt werden. Selbst wenn sie sich widersprechen vertraut man doch darauf, dass sich dem Leser aufgrund dieser Verschiedenheit eine eigene für ihn richtige Wahrheit erschließt. Das ist eine menschenfreundliche Weise miteinander ins Gespräch zu kommen ohneeinander zu verurteilen. Im Christentum dagegen hat man meistens auf die richtige Lehre gepocht und dafür immer wieder andere Lehrauffassungen verurteilt, verdammt und verfolgt, bis in unsere Tage hinein.

Es kommt also nicht darauf an immer Recht zu haben, sondern auch anderen recht zu geben und auf diese Weise wertschätzend miteinander umzugehen. Wohlwissend, dass der andere ebenso recht haben könnte wie ich selbst, und dass sich in unserem Wissen nicht nur die Wahrheit spiegelt, sondern auch unsere je eigene Lebenserfahrung.

Gerade jetzt in den Zeiten der Corona-Pandemie ist es doch wichtig die verschiedenen Meinungen und Ansichten zu Wort kommen zu lassen und geduldig zuzuhören, was Laien und Experten aus ganz verschiedenen Lebensbereichen zu sagen haben. Unsere Politiker haben glaube ich sehr schnell und sehr gut begriffen, wie wichtig es ist, gerade angesichts der Krise, die Akzeptanz der Bürger mitzunehmen, die eigene Unzulänglichkeit einzugestehen, und angesichts der Herausforderungen miteinander im Gespräch zu bleiben. Dem einen recht zu geben, und dem anderen nicht weniger. Da hast du recht.

Paulus rät uns: Bleibt miteinander im Gespräch, auch wenn es schwierig wird. Bleibt auch selbstkritisch. Schätzt die Meinung der anderen. Habt nicht nur recht, sondern gebt auch recht.