Im Paradiesgarten

Die Schöpfungsgeschichten der Bibel erfreuen sich nach wie vor großer Beliebtheit. Auch wenn sie strengen wissenschaftlichen Kategorien nicht genügen, so lassen sie doch genügend Raum für Fantasie und Sehnsucht. So ist es auch mit unserem heutigen Predigttext. Er schildert, wie Gott den Menschen gemacht hat, und wie er ihn anschließend in den Garten Eden hinein setzt. Wenn wir von heute aus darauf zurückschauen, erscheint uns dieser Garten als Paradies und wir beginnen zu ahnen, wie es damals gewesen ist, wie schön es gewesen sein mag. So schön, dass wir noch heute davon träumen und seither vom Paradies sprechen.

Und für die meisten Gartenfreunde ist auch der eigene Garten ein kleines Paradies. Ein Ort, an dem man sich wohlfühlt. Ein Ort, der Leib und Seele nährt und beschwingt. Es ist ein schönes Erinnerungsbild, das uns die Bibel mitgibt, dass wir aus einem Garten stammen, einem schönen und lebendigen Ort, in dem das Leben blüht und gedeiht. Jeder und jede, die einen Garten ihr Eigen nennt, kann das glaube ich nachvollziehen, wie beglückend das ist, einen Lebensraum, so hautnah zu erleben, darin verwurzelt zu sein, darin zu wirken, die Früchte des Gartens zu genießen und sich daran zu erfreuen. Wäre es nicht schön, wenn die ganze Welt so ein Garten wäre? Ein Ort, der Fülle und des Gedeihens? –

Leider, so muss man sagen, leben wir inzwischen jedoch jenseits von Eden. Und der Garten, den Gott für uns einmal gemacht hat, existiert nur noch in unserer Fantasie und in unseren Träumen. Oft sehnen wir uns vielleicht heimlich dahin zurück. Und sei es auch nur für einen Moment, oder für eine Reise in ein Urlaubsparadies.

Aber neben dem Gedanken an das schöne Paradies kommt die Bibel auch noch darauf zu sprechen, dass wir erdverbundene Geschöpfe sind. Wir sind wie es heißt, aus dem Staub der Erde gemacht. Das heißt, dass wir Teil dieser Schöpfung sind und in ihr leben und sterben. Oft halten wir uns für etwas Besonderes, und bezeichnen uns Menschen als Krone der Schöpfung, als diejenigen, die über allem anderen stehen und darüber herrschen können. Doch auch wenn das so ist, so sind wir doch im gleichen Atemzug genauso wie alle anderen Kreaturen und Dinge, der Vergänglichkeit unterworfen, und werden am Ende wieder zu der Erde, von der wir einst genommen worden sind. Insofern stehen wir nicht über den Dingen und der Welt, sondern wir sind mit ihnen bis ins innerste verwoben, und deshalb gibt es keinen Grund zu glauben, wir könnten unserem von Gott bestimmten Schicksal entfliehen.

Doch auch wenn uns die Sterblichkeit auferlegt ist, und Erde wieder zu Erde werden muss, so wird die Bibel nicht müde, das Wunder des Lebens, unseres Lebens zu betonen. Es ist ein Wunder, dass es die Welt gibt und nicht viel mehr nichts, und es ist ein Wunder, dass es uns gibt, und nichts anderes. Und ich glaube, dass es ist auch, was uns die Menschen der Bibel mitgeben möchten über alle Jahrtausende hinweg, dass sich wundern darüber, dass wir da sind, und auch die Freude darüber, dass wir lebendig sind, und mit allen unseren Sinnen und Kräften etwas anfangen können. Es ist so als würde man voller Erstaunen darüber feststellen, was diese Hände da, alles machen können und wieweit diese Füße laufen können, die Freude über die eigene Geschicklichkeit und Klugheit, Stärke und Schönheit.

Darüber haben unsere Vorfahren schon immer nachgedacht und sich je länger je mehr gefragt, wie das sein kann und wie das gekommen ist. Es muss einen Grund haben, mögen sie sich gesagt haben. Es muss eine Ursache geben, dafür, dass wir so begabt und klug sind, und uns zu helfen wissen, obwohl wir nicht so stark oder so schnell sind, wie die Tiere, weder fliegen noch lange unter Wasser bleiben können.

Schnell mögen sich darüber einig geworden sein, dass der Grund ihres Lebens nicht in ihnen selbst liegt, denn sie waren ja zu jederzeit abhängig von einer übermächtigen Natur, von Wind und Wetter und der Wärme der Sonne, vom Regen im Frühjahr. Und obwohl alle diese Dinge, menschlichem Wirken entzogen waren, wirkten sie sich doch günstig, was für ein Wunder, auf die Entwicklung menschlichen Lebens aus. Von da aus, war es nur noch ein kleiner Schritt, zu dem Gedanken, dass da einer im Verborgenen, alles so einrichtete, dass Leben möglich war, Wachstum und Gedeihen. Und dass, das für uns alle gut so ist. Es ist, glaube ich, diese Erfahrung der Menschen, dass Gott ihnen das Leben geschenkt und ermöglicht hat, trotz aller Hindernisse und Gefahren, die die Menschen an uns weitergeben wollten. Diese Erfahrung, und das Gefühl und die Gewissheit, dass für uns gesorgt wird und Gott seine Hand über uns hält.

Wenn man so will könnte man auch sagen, dass Gott am Anfang dafür gesorgt hat, dass Leben möglich ist. Es gibt geordnete Strukturen wie z. B. den Wasserkreislauf, der für die Fruchtbarkeit der Erde sorgt. Es gibt den Rhythmus der Jahreszeiten, die nicht nur für Abwechslung sorgen, sondern auf ihre jeweilige Art dafür sorgen, dass sich das Leben verjüngt und erneuert. Es gibt so etwas wie eine Ordnung, die Chaos zurückdrängt und vor dem Zerfall schützt.

Und der Garten Eden, das Paradies, ist so ein geschützter Raum gewesen, in dem der Mensch zum allerersten Mal das Licht der Welt erblickte, in dem Adam und Eva aufwachsen konnten, geschützt und geborgen, bis sie dann erwachsenen geworden, diesen geschützten Ort verlassen mussten und zugleich konnten. So schön es auch ist, und so wunderbar, das Paradies. Volles genüge daran finden wir immer nur zuweilen, bis es uns weiter zieht und hinausdrängt. So wie Adam und Eva, die vom Baum der Erkenntnis kosteten, und Neues ausprobieren und erforschen wollten, und dabei Grenzen überschritten, hinter die es kein zurück mehr gab und gibt. So geschieht es oft, wir schwelgen in seligen Erinnerungen an unser Paradies und sind doch im nächsten Moment schon darüber in Gedanken hinweg.

Einer alten Legende zufolge liegt das daran, dass uns der göttliche Atem des Lebens, in dieser Welt nicht schlussendlich zur Ruhe kommen lässt, sondern uns über das irdische Glück hinaus, in die Ewigkeit Gottes verweist. So wie es Augustin einmal gesagt hat: Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Dir, Gott.

Eine andere kleine Schöpfungsgeschichte, in der Gott für jedes Tier einen besonderen Lebensraum schafft, in dem es sich wohlfühlt, greift diesen Gedanken auf. In dieser Geschichte wendet sich der Mensch an Gott, ein wenig vorwurfsvoll und sagt: „Alle Geschöpfe hast du gefragt, wie die Erde werden soll, nur mich hast du nicht gefragt. Du hast sie gemacht, wie die Tiere sie wollten, aber nicht so wie ich sie will. Da kannst du lieber Gott auch nicht erwarten, dass ich zufrieden bin.“

Doch Gott, der Herr, erwiderte: „Du bist auch nicht gemacht, um an ihr Genüge zu haben. Hast du denn wie die Tiere die Augen zur Erde gewendet? Du sollst auf ihr zu Hause sein und auf ihr wohnen, aber der anderen Heimat, die in dir ist, gedenken. Dazu bist du da. Und deshalb gehst du aufrecht.“

So schön, die Paradiese auf dieser Welt auch immer sein mögen, sie heißen uns zu verweilen, aber nicht zu bleiben. Sie erinnern uns an unseren göttlichen Ursprung, und unsere Zukunft in Zeit und Ewigkeit. Amen.