Dein Wort ganz nahe

In diesen Zeiten suchen wir verstärkt nach Orientierung. Vielleicht geht es ihnen auch so wie mir. Die Zahlen der mit dem Corona-Virus infizierten Menschen, die täglich veröffentlicht werden, geben immer wieder Anlass zur Sorge. Mal sinken sie und mal steigen sie. Im Moment steigen sie. Und dann stellt sich die Frage, was wir tun können, damit wir von einer Infektion verschont bleiben. Wir halten schon Abstand und tragen Masken, auch wenn es uns schwer fällt, und die Einschränkungen uns zu schaffen machen.

In Frankfurt soll man jetzt auch draußen beim Einkaufen auf der Zeil Masken tragen, Feiern im privaten Kreis sollen nur noch mit 10 Teilnehmerinnen erlaubt werden, in einer Gastwirtschaft allerdings noch mit 25 Personen. Man mag nun darüber streiten, was gerade angemessen ist, was einerseits unseren gewohnten Lebensstil nicht so sehr einschränkt, aber auch andererseits dazu hilft die Infektionsgefahren zu vermeiden. Woran sollen wir uns orientieren, frage ich mich wie so viele andere Menschen auch? Am Robert Koch Institut? Das ist im Moment, glaube ich die erste Adresse, wenn es darum geht, uns allen Handlungsmaßstäben an die Hand zu geben, die uns hoffentlich sicher durch diese Krise zu führen. Unsere Politikerinnen und Politiker entscheiden auf dieser Grundlage, und beraten sich immer wieder von neuem. Doch leider gelangen sie nicht mehr zu einer einheitlichen Lösung für ganz Deutschland. Inzwischen gehen die Bundesländer eigene Wege, und tragen damit zur allgemeinen Verunsicherung bei, auch wenn sie das nicht beabsichtigen.

Wir sind auf der Suche nach Orientierung, was wir bekommen sind allerdings eigentlich nur Orientierungshilfen, auch wenn sie als Regeln und Gesetze offiziell und mit Bußgeldern belegt daherkommen. Entscheiden, wie wir uns verhalten wollen, müssen wir letztlich selbst. Jede und Jeder einzelne von uns. Und genauso verhalten sich die Menschen ja auch. Die einen lassen es locker angehen, was kann mir schon passieren und wir leben nur einmal, und die anderen, achten streng darauf Masken zu tragen, und monieren, wenn andere das nicht verlässlich tun. Die einen umarmen sich und feiern miteinander, und die anderen achten peinlich genau auf einen Sicherheitsabstand von 1,5 Metern.

Wir orientieren uns an dem, was wir für richtig halten, und nicht unbedingt an dem, was andere für richtig halten. Argumente werden hin und her gewechselt, man tauscht sich darüber aus, und kommt zu einem Ergebnis, zu dem was für einen selbst gilt. So ist es in allem.

Aus dem Wust an Regeln und Einsichten müssen wir uns eine eigene Meinung bilden, eine Art Richtschnur an die wir bereit sind uns zu halten, einer Spur der wir folgen, die wir für richtig halten und für die wir auch bereit sind, auf demokratische Weise zu kämpfen.

Dabei geht es aber nicht nur darum, was ich selber für das Beste halten, sondern auch darum, dass es auch für meine Nächste, das Beste ist. Der Philosoph Immanuel Kant hat das in dem sogenannten kategorischen Imperativ so formuliert:

„Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“

Ich muss mich also immer fragen, ob mein eigenes Verhalten, zur Grundlage einer allgemeinen Gesetzgebung dienen würde, oder anders gesagt, ob andere genauso leben und handeln sollten wie ich. Wenn ich immer eine Maske trage, müssten das die anderen auch, und ich muss mich fragen ob das zumutbar wäre, oder ob das nur etwas für mich ist, weil ich z. B. andere Voraussetzungen habe.

Jesus hat sich der gleichen Frage auch einmal gewidmet, und er hat dabei eine negative, aber eben doch auch eine verständliche und handhabbare Antwort gegeben: „„Was du nicht willst, dass man dir tu’, das füg auch keinem andern zu.“ Positiv gewendet konnte Jesus auch sagen: Was ihr von anderen erwartet, das tut ebenso auch ihnen. Alle unsere Regeln und Gesetze sind also auch immer im Blick auf das Wohl unserer Nächsten ausgerichtet. Und das gilt es immer mit zu bedenken, wenn wir etwas tun oder lassen, wenn wir handeln und entscheiden.

Es geht also nicht darum abstrakte Gesetze einzuhalten, die so kompliziert sind wie das Steuerrecht z. B., sondern um eingängige und einleuchtende Regeln. Gesetze, die nicht weither geholt sind, Verfügungen, die nicht nur auf dem Papier stehen, sondern um etwas, das uns nahe ist, und uns alle angeht.

Im 5. Buche Mose, erinnert der gleichnamige Mose sein Volk an die Gebote Gottes und legt sie ihnen ans Herz. Und wie man dem Text entnehmen kann, möchte Mose, dass sie seinem Volk in Fleisch und Blut übergehen. „Das Wort ist ganz nahe bei dir,“ sagt er, „in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust.“ Mose wusste wie viele andere auch, Gesetze, die nur auf dem Papier stehen, reichen nicht aus, um unser menschliches Miteinander zu regeln. Wenn man immer erst nachlesen müsste, was man darf, und was man nicht darf, wird es schwierig, und dann müsste man ja eigentlich auch immer gleich einen Anwalt dabei haben, so wie wir’s aus den Kriminalfilmen kennen.

Im Moment, angesichts der Krise, bekommen wir alle paar Wochen neue Verordnungen, wie Schutzkonzepte auszuarbeiten sind, die sind immer mehrere Seiten lang, und man muss sie gründlich lesen, um sie dann auch anwenden zu können. Es gibt immer kleine Änderungen, und deshalb muss man alles genau überprüfen.

Diese Konzepte sind um mit der Bibel zu sprechen nicht unbedingt nahe in unserem Herzen, und weder in meinem Mund noch in meinem Herzen.

Was wir aber wirklich brauchen sind Regeln und Einsichten, die uns zum Leben helfen, und gleichzeitig auch von uns ohne Umstände ausgeführt werden können. Lebensregeln wie die 10 Gebote etwa, oder das Gebot der Nächstenliebe, das Jesus einmal das größte Gebot genannt hat. Das ist etwas, dass jeder/ jede verstehen kann, und das wirklich einen Platz in unserem Herzen verdient hat und genauso unseren Verstand leiten sollte.

Das Wort ist ganz nahe bei dir, heißt es in der Bibel. Gemeint ist damit nicht, dass wir äußerliche Regeln befolgen, die wir vielleicht innerlich gar nicht so ernst nehmen, sondern dass, das was wir glauben und woran wir uns halten, uns auch innerlich erfüllt. Dass die Nächstenliebe Gestalt gewinnt und nicht nur auf dem Papier gefordert wird.

Das Wort Gottes ist ganz nahe bei dir. Um das zu erreichen, hat man früher besonders viel auswendig gelernt. Sie kennen das vielleicht. Im Konfirmandenunterricht wurden Lieder und Bibeltexte auswendig gelernt, und wenn es gut lief, sind sie auch in Fleisch und Blut übergegangen. Und gerade dann sind sie auch in schwierigen Situationen gute Ratgeber und Tröster wie manche Gebete und Psalm 23.

Im Judentum hat man die Nähe zu Gott und seinem Wort besonders sinnfällig symbolisiert. Die Gebetsriemen und die Gebetskapseln, sind Denk und Merkzeichen, die die Verbundenheit mit Gott auch äußerlich darstellen. Sie werden auf der Stirn oder am Arm getragen, und deshalb sind sie auch nahe am Herzen und mit dem, der sie trägt spürbar körperlich verbunden.

Das Wort, der Liebe und Güte Gottes, soll auch uns begleiten und nahe sein. Es soll uns erfüllen, so wie die Liebe einen Menschen erfüllen kann, es soll in unserem Munde sein und immer in unserem Herzen. Verständlich, klar und barmherzig. Das Wort soll in Fleisch und Blut übergehen.

Kategorien Ansprache Kirchenjahr

Hallo, ich heiße Peter Lehwalder und bin evangelischer Pfarrer. Ich liebe meine Arbeit und den Kontakt mit Menschen. In meiner Freizeit wandere ich gerne und laufe, ich mag Bücher und spiele Online-Rollenspiele. Ich bin neugierig auf Gott und die Welt.