Der Herbst ist da

Es lässt sich nicht leugnen. Der Herbst ist da. Die Blätter fallen und die Tage werden kürzer. Für Kinder ist es eine schöne Zeit, wenn alles so schön bunt wird und der Wind kräftig pustet. Im Kindergarten singen sie in dieser Zeit: „Der Herbst, der Herbst, der Herbst ist da, er bringt uns Wind, hei hussassa!“ Wir haben das früher in unserer Krabbelgruppe gesungen und dann wurden Papierblätter aufgewirbelt und die Kinder durften sie einfangen.

In meiner Kindheit mochte ich den Herbst besonders. Nicht nur weil mein Geburtstag in diese Zeit fiel, sondern auch weil es viel zu ernten gab, und man draußen im Garten Kastanien sammeln konnte. Schön war es auch Drachen steigen zu lassen und den Wind zu spüren. In der morgendlichen Kälte war es endlich soweit, dass ich meine Winterschuhe anziehen durfte und mit ihnen tüchtig durch das Laub gestampft bin. „Hei“ wie das so lustig raschelte und wieviel Spaß es gemacht hat. Das Beste, ich konnte jetzt endlich morgens im Halbdunkeln zur Schule gehen. Das war irgendwie geheimnisvoll und ein bisschen unheimlich, aber auch spannend.

Ich erinnere mich gerne daran, obgleich ich heute eher wehmütig zurückdenke und Abschiedsgedanken mich einstimmen auf die dunkle Jahreszeit. Kinder freuen sich auf den Herbst genauso wie auf den Sommer, für sie spielt Zeit keine Rolle, und sie können sich mit allem anfreunden. Mit dem älter werden fällt mir das zunehmend schwerer. Zeit wird immer kostbarer, und Abschiede fallen stärker ins Gewicht. Statt „hei hussassa“ zu singen, muss ich jetzt immer öfter an das Herbstgedicht von Rainer Maria Rilke (1875-1926) denken. Eigentlich ist es ein Gebet. „Herr, es ist Zeit,“ heißt es darin, und dann folgen die berühmten Worte: „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben.“

Der Herbst stimmt uns auf den Abschied von diesem Jahr ein. Doch auch wenn der Wind die Blätter vor sich hertreibt, so bleibt doch noch genug Zeit die Ernte in Ruhe einzubringen. Wenn jetzt die Sonne scheint, bietet sie noch einmal all ihre Kraft auf, um den Wein zu veredeln und uns den Abschied zu versüßen. Schöne Erinnerungen mögen uns hinfort begleiten und die Zeit vergolden. Jetzt brauchen wir ein Haus, das uns schützt und Geborgenheit schenkt, das uns vor Heimatlosigkeit schützt und uns hilft standzuhalten. Doch Beständigkeit verspricht die Bibel nicht für unsere irdischen Wohnungen, sondern erst für die himmlischen und ewigen.