Weihnachtliches Usingen

Weihnachten mit Abstand!

Was feiern wir, wenn wir Weihnachten feiern? Normalerweise würden wir als Familie feiern: Erst im Gottesdienst O du fröhliche singen, dann vielleicht mit den Kindern, die Lichter am Tannenbaum anzünden, bescheren und die Geschenke auspacken und danach zusammen essen. Einen schönen Abend miteinander verbringen, Geschichten erzählen und manche Erinnerungen aufleben lassen. Gedanken an frühere Weihnachten, als die Kinder noch klein waren, als wir selbst noch Kinder waren. Als wir in den Tag hineinleben konnten und spielen konnten, ohne Sorgen und ohne Verantwortung.

Aber in diesem Jahr ist alles ein wenig anders. Die Sorge um unsere Gesundheit steht diesmal im Mittelpunkt. Gebannt blicken wir auf die immer noch zu hohe Infektionsrate. Zahlen beherrschen unser Leben und die Angst sich anzustecken verhindert Nähe. Viele Menschen fühlen sich einsamer als sonst und vermissen menschliche Wärme. Menschliche Wärme, die wir uns doch gerade von Weihnachten erhoffen. Steht nicht dafür auch die Krippe und der Stall. Für Wärme und Geborgenheit? Im Angesicht von Kälte und Dunkelheit?

Wie war es bei ihnen? Hatten Sie auch Bedenken in die Kirche zu kommen? Man soll ja so wenig wie möglich Kontakte haben. Gerade auch beim Krippenspiel, mit seinem Gewusel und Gedränge, menschlicher und körperlicher Kontakt wäre da kaum zu vermeiden gewesen. Sicherer wäre es zuhause. Vielleicht doch lieber zusammen mit Opa und Oma, den Kindern meiner Frau im kleinen Kreis vor dem Weihnachtsbaum sitzen, ohne Gesang und Umarmungen? Immerhin 10 Personen dürfen an Weihnachten zusammen kommen. Und doch Bedenken bleiben, müssen wir sicherheitshalber Masken tragen, am Heiligen Abend, an Weihnachten? Oder sollte doch jeder für sich bleiben, zuhause in seinen eigenen vier Wänden? Es ist schwer in diesen Tagen sorglos zu feiern. Irgendwer rät immer zu mehr Vorsicht und Achtsamkeit. Immer wieder ist man hin- und hergerissen zwischen dem Gefühl den besonderen Moment zu genießen und dem Gedanken, was alles passieren könnte.

Die große Freude, die die Engel an Weihnachten in Bethlehem verkündigten, muss diesmal wohl einer etwas stilleren und vernünftigeren Freude weichen. Statt Nähe ist diesmal räumliche Distanz zu wahren.

Mit der Distanz ist es so eine Sache. Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht wie nah man sich im gesellschaftlichen Umgang kommen darf, ohne das es unhöflich oder auch zudringlich wird? Es gibt solche Umgangsregeln, und so nimmt es nicht Wunder dass wir Fremden gegenüber mehr Distanz wahren als Menschen, die uns vertraut sind. Auch wenn wir miteinander reden ist es wichtig, den richtigen Abstand zu finden, einen der in dieser Situation genau angemessen ist. Wenn wir zu weit auseinander sitzen, besteht die Gefahr, dass wir aneinander vorbeireden oder abschweifen, sitzen wir zu nah, fühlen wir uns vielleicht bedrängt und in die Enge getrieben. Distanz und Abstand zu halten, ist also nicht per se schlecht und unangenehm. In vielen Situationen hilft Abstand zu halten uns dabei kühlen Kopf zu bewahren und Lösungen zu finden, die wir sonst nicht gefunden hätten. In der Zoologie gibt es den Begriff der Fluchtdistanz, der Abstand den ein Tier z. B. ein Pferd zu seiner Sicherheit braucht, wenn ein anderes vielleicht gefährlicheres Tier in der Nähe ist.

Etwas ähnliches gilt glaube ich auch für Menschen. Jeder und jede von uns hat seine oder ihre Grenzen, die man nicht überschreiten darf, wenn es nicht unangenehm oder bedrohlich werden soll.

An Weihnachten feiern wir, dass Gott Mensch geworden ist, aber wir könnten auch sagen, wir feiern und freuen uns darüber, dass Gott uns nahe kommt, besonders nahe in der Weihnachtszeit. Eben so nahe wie ein Kind, das man auf den Arm nimmt und herzt. Wir suchen diese Nähe und sie verspricht uns das Leben selbst, in einer Intensität, die es sonst selten gibt. Es ist die Nähe zum Leben selbst, die uns verzaubert und mitreißt und im Augenblick alle Zeit vergessen lässt. Wenn Gott uns auf diese Weise wie ein Kind nahe kommt, blüht das Leben auf, es weckt alle guten Gefühle in uns und hilft uns zu vertrauen und miteinander zu wachsen. Gewiss wir sehnen uns meistens nach Nähe und Wärme, nach starken Gefühlen und Liebe.

Und doch, brauchen wir auch Abstand und müssen immer wieder lernen Abstand zu halten. Unser Partner/in gehört uns nicht, auch wenn wir uns nahe sind, und wir sind uns ja auch nicht immer gleich nah. Unser Mann, unsere Frau ist nicht immer auf einer Linie mit uns, es gibt Meinungsverschiedenheiten und einer geht vielleicht auf Abstand, weil er oder sie anderer Ansicht ist. Und im Laufe der Zeit gehört auch unser Kind, uns immer weniger. Das kennen sie, es geht eigene Wege und vertritt Meinungen oder Ansichten, die wir nicht unbedingt verstehen können. Natürlich sind wir uns immer noch nah, oder wollen es auch in Zukunft noch sein, aber wir spüren auch den Abstand zueinander, und das ist nicht immer leicht und tut manchmal besonders weh. Doch wenn wir darüber nachdenken, dann ist dieser Abstand nötig, um ein eigenes Leben gestalten und leben zu können, ohne Enge und Begrenzung.

Auch wenn wir an Weihnachten feiern, und uns darüber freuen, dass Gott uns nahe kommt und uns Leben schenkt, so kennt die Bibel, wie die meisten Menschen auch Erfahrungen der Ferne Gottes, wo Gott fehlt oder zumindest auf Abstand gegangen ist. Meistens leiden wir darunter und vermissen die Nähe und den Beistand Gottes, andererseits aber pochen wir aber auch auf Selbständigkeit und fordern Freiraum, um uns entwickeln zu können und Freiheit, um uns selbst ausprobieren zu können. Ein Gott, der uns allzu nah auf Schritt und Tritt gängeln würde, käme uns dabei sicher ziemlich ungelegen, oder wäre peinlich, wie Eltern, die ihre Tochter auf eine Party begleiten würden, damit auch ja nichts passiert.

Der Prophet Jeremia (23,23) schreibt: Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht der Herr, und nicht auch ein Gott, der ferne ist? Wir vermissen die Nähe Gottes, wenn wir Beistand brauchen oder Ängste uns Sorgen machen, aber wenn wir unseren eigenen Weg suchen und gehen wollen, dann steht er uns vielleicht im Weg, und wir suchen Abstand. Vielleicht müssten wir diesmal an Weihnachten eher den Abstand betonen, so wie es uns auch die Pandemie nahelegt. Gott kommt uns nicht nur nahe, sondern er lässt uns auch den Raum den wir brauchen, um uns selbst zu finden. Den Raum, den wir brauchen, ohne Angst haben zu müssen verletzt zu werden.

An Weihnachten, so würde ich es in diesem Jahr formulieren, schenkt Gott uns Menschen einen Raum, in dem auch Abstand halten möglich ist. Einen Spielraum, vielleicht sogar einen geschützten Raum, indem wir uns nahe aber auch ferner sein können, wobei beides, das Nahesein und das Fernesein gut ist. Ich denke an den Stall von Bethlehem und an das Beisammensein von Mensch und Tier. Ein kleiner Raum, der ganz verschiedene Menschen, über Ferne und Nähe miteinander verbindet, ohne sie eins werden zu lassen, ohne das einer dem anderen gehört.

Wer eine Krippe zuhause hat, der denkt wahrscheinlich darüber nach, wie er die einzelnen Krippenfiguren aufstellt, wohin an welchen Platz, und wem er sie zuordnet. Meistens macht man das auch intuitiv, und stellt dann z. B. Marie und das Christuskind nahe zusammen. Josef dagegen bleibt meistens im Hintergrund, vielleicht sogar im Abseits. Jedenfalls hält er meistens Abstand. Natürlich macht das jeder/jede etwas anders. Doch meistens gehören Mutter und Kind zusammen, die Engel in den Himmel, und die Hirten müssen auch gebührenden Abstand wahren. Zu nah darf keiner dem Kind kommen, auch die Könige nicht, obwohl sie doch Geschenke bringen.

Wahrscheinlich ist das so, weil das Kind ja allen gehören soll, und nicht nur einem allein. Weil es allen nahe sein soll, muss es gleichzeitig auch zu allen Abstand wahren. Und weil es genauso wie wir eine Aura hat, die es einmalig und unverwechselbar macht. Wir möchten es an uns drücken, und fürchten doch zugleich, es verletzen zu können. Wir suchen seine Nähe und Wärme, aber wir wollen seinem Spieltrieb Rechnung tragen und es in Freiheit gewähren lassen.

An Weihnachten feiern wir, dass Gott uns nahe kommt, aber er lässt auch Abstand zu. Er berührt uns, aber er kann uns auch einfach nur wohlgefällig ansehen. Abstand hat mit Respekt zu tun und mit Ehrfurcht. Respekt vor dem Wunder des Lebens, Ehrfurcht vor dem Geheimnis der Wege Gottes. In dem wir Abstand halten, erkennen wir an, was größer ist als wir selbst, was wir nicht in die Hand nehmen können, was wir nicht fassen können.

Es gibt eine Geschichte in der Bibel, (2. Mose 33) die das verdeutlicht. Als Mose Gott bat: „Lass mich deine Herrlichkeit sehen,“ da ging Gott an ihm vorüber in all seinem Glanz, aber nicht ohne Mose vorher in sicherem Abstand zu halten. „Wenn meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin.“ Nur aus der Ferne vermag, Mose Gott zu sehen, und kann ihm nachschauen. Doch so berichtet die Bibel, leuchtete Mose Antlitz danach noch tagelang. Im Leben brauchen wir Abstand und Nähe gleichermaßen. Deshalb feiern wir Weihnachten diesmal in dem Glauben, dass auch räumlicher Abstand Leben schenkt und Leben rettet.

Frohe Weihnachten und ein gesegnetes Neues Jahr