Ein anderes Jahr

Hätten Sie zu Beginn des Jahres gedacht, was im Jahr 2020 auf uns zukommt? Alles begann zunächst ganz normal und harmlos. Das Corona-Virus war noch eine kleine „Erkältung“. Wir waren voller Hoffnung und hatten uns einiges für dieses Jahr vorgenommen. Doch es kam alles anders. Das Corona-Virus verbreitete sich binnen weniger Wochen über die ganze Welt und forderte weit über eine Million Menschenleben. Die Wirtschaft kam zeitweise nahezu vollständig zum Erliegen, soziale Kontakte mussten auf ein Minimum beschränkt werden und auch unser kulturelles und kirchliches Leben blieb von den Pandemie-Folgen nicht verschont.

Unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel wandte sich direkt an alle Bürgerinnen und Bürger und mahnte schon im März eindringlich: „Unsere Vorstellung von Normalität, von öffentlichem Leben, von sozialem Miteinander – all das wird auf die Probe gestellt wie nie zuvor. Millionen können nicht zur Arbeit, die Kinder nicht in die Schule oder in die Kita, Theater, Kinos und Geschäfte sind geschlossen, und was vielleicht das Schwerste ist, uns allen fehlen die Begegnungen, die sonst selbstverständlich sind. Natürlich ist jeder von uns in solcher einer Situation voller Fragen und voller Sorgen, wie es weitergeht.“

Angela Merkel, 18. März 2020

Wenn wir heute zurückblicken, dann hat sich leider noch gar nicht so viel geändert. Wir blicken immer noch mit Sorgen nach vorne, und fragen uns, wie es weitergehen wird. Ob die Krise eingedämmt werden kann, oder der erneute Lockdown etwas bringt, ob die erforschten Impfstoffe endlich eine Wendung bringen, und unser Leben wieder in einigermaßen verlässlichen und normalen Bahnen verlaufen kann. Wir schauen mit Hoffnung nach vorne in ein neues Jahr. Wer es bis hierher geschafft hat, wen Gott bis hier her gebracht hat, den wird er auch weiterhin führen und leiten.

Vielleicht kann man dann auch ein wenig dankbar und demütig auf dieses Jahr zurückschauen und sagen, bis hierher hat mich Gott gebracht, bis hierher mich bewahrt, bis hierher mir geholfen, so wie es in dem Gesangbuchlied heißt (EG 329). Auch wenn uns dieses Jahr vieles abverlangt hat, an Geduld und Beharrlichkeit, an Trotz vielleicht, und der Fähigkeit sich nicht unterkriegen zu lassen, so hat es doch auch viel Gutes in uns hervorgelockt, und wir haben unser Leben zum Teil wenigstens neu entdeckt und gefunden. Und auch wenn der räumliche Abstand zu unseren Nächsten größer geworden ist, so ist doch auch Nähe und Solidarität über Entfernungen hinweg entstanden, und wir haben den Wert des Miteinanders neu entdeckt. Darum wollen wir nicht nur sorgenvoll zurückblicken, sondern auch das in Demut bewahren, was uns die Erfahrungen in diesem Jahr mitgegeben haben, an Widerstandsstärke und Selbstvertrauen, den Glauben begleitet und behütet zu werden, trotz negativer Schlagzeilen und Meldungen.

Das Lied: „Bis hierher hat mich Gott gebracht, schließt mit der Bitte Hilf fernerweit, mein treuster Hort, hilf mir zu allen Stunden, er hilft, wie er geholfen.Es ist ein Wunsch für die Zukunft, die für keinen von uns absehbar ist. Sicher ist aber, dass wir immer wieder in Situationen kommen werden, in denen wir Hilfe brauchen können und in denen wir es allein nicht schaffen. Doch wenn wir uns gegenseitig helfen und unterstützen, dann ist viel mehr möglich als wir glauben. Und wenn wir uns erinnern, was wir schon alles geschafft und überstanden haben an persönlichen Krisen und Gefahren, dann können wir dieser Krise auch etwas entgegensetzen, und müssen nicht vor Angst verzagen.

Viele dieser Gedanken greift auch ein anderes Lied auf, das in diesem Jahr unter Corona-Bedingungen entstanden ist. Es heißt „Es war ein anderer Sommer“ und stammt von der Pop-Band „Silbermond“. Ja, was die Band, da auf so eingängige und melodische, aber auch ein wenig verhalten und traurig singt, stimmt. Es trifft auch meine Empfindungen. Es war ein anderer Sommer. Auf Schritt und Tritt, überall da wo man Menschen begegnete, war die Krise spürbar. Es war ein anderes Jahr, bis jetzt, bis zu diesem Abend. „Ein Jahr ohnegleichen. Seltsam, Kopfüber nichts wie es war.“ Die Welt steht wirklich Kopf, und die Frage im Lied, treibt uns alle irgendwie um: „Sag mir wie lange es noch bleibt.“ Es war ein anderer Sommer, es war ein anderes Jahr.

Das Lied spricht mir aus der Seele. Und ich erwische mich dabei, wie ich mich an Durchhalteparolen klammere: Kopf hoch und weiter, oder machen wir das Beste draus. Aber das ist oft nur so dahingesagt, und vielleicht macht man es sich damit auch zu leicht. Solange es geht, heißt es in dem Lied, Kopf hoch und weiter. Aber wichtiger als diese Parolen ist mir die Hoffnung auf Begleitung und der Wunsch nicht alleine dazustehen in all diesem Trubel. „Geh mit mir von Tag zu Tag,“ das hilft mir wirklich, wenn einer oder eine mitgeht, jeden Tag, egal was kommt, ob Sonne oder Regen, ob Freud oder Lied. Natürlich denke ich dabei an die Menschen, die mir nahe stehen, die für mich da sind und für die ich da sein möchte, doch ich denke auch an Gott, der mir bis hierher geholfen hat und treu war, und täglich neu da ist.

Es war ein anderer Sommer. Es war ein anderes Jahr. Nicht für jeden von uns persönlich aber doch für unsere Gesellschaft.

Wenn man zurückschaut auf die vergangenen Jahre, dann haben die meisten von uns, die zurückliegenden Jahre positiv bewertet. Es seien für sie persönlich gute Jahre gewesen. (70 %). Von dem Jahr 2020 sagen das laut einer Umfrage nur ca. 52 %.
45 % sagen, dass es für sie ein eher schlechtes Jahr gewesen sei. Und die meisten erwarten auch für das kommende Jahr, keine großen Änderungen. Doch immerhin sehen 39 Prozent der Menschen in Deutschland dem neuen Jahr optimistisch entgegen, und nur 6 Prozent pessimistisch.

Optimismus und Pessimismus halten sich in diesen Tagen fast die Waage, Glaube und Zweifel begleiten uns über das Jahr hinaus. Und doch überwiegt die Hoffnung, dass es besser werden wird. In gewisser Weise sind wir alle unverbesserliche Optimisten, die an das Gute glauben und sich auch von Schwierigkeiten und Krisen nicht davon abbringen lassen. Auch wenn das z. T. wider die Vernunft ist, so hilft uns dieser Glaube doch immer wieder neu, das Leben in die Hand zu nehmen und die Chancen die wir haben auch zu nutzen. Es ist ein bisschen so, wie es Jesus einmal versprochen hat: Der Glaube versetzt Berge. Auch wenn wir wissen, dass das nicht so einfach geht, so nehmen wir doch Aufgaben an, die auf den ersten Blick zu groß für uns erscheinen und arbeiten uns daran ab. Nicht immer mit dem gewünschten Ergebnis, aber doch in dem Gefühl, alles gegeben zu haben. Und darauf kommt es an. Das zeichnet uns als Menschen aus.

So gehen wir dahin, von einem Jahr zum andern. Durch soviel Angst und Plagen, in der Hoffnung auf Gottes Güte und Treue, auf dass sie uns im alten wie im neuen Jahr begleiten möge. Möge Gott unsere Wege segnen. Amen.