Leben und leben lassen

Ein neues Jahr hat begonnen. Es fängt an wie das alte aufgehört hat, im Krisenmodus. Unsere Politikerinnen haben den Weihnachtslockdown noch einmal verschärft und sogar bis Ende Januar verlängert. Wir hätten es uns anders gewünscht und wären lieber optimistischer und freudiger ins neue Jahr gestartet. Aber wahrscheinlich geht es nicht anders und irgendwie war das auch vorauszusehen. Es gibt zwar Kritik an den verhängten Maßnahmen, da im Moment zu wenige Impfstoffe zur Verfügung stehen, aber es gibt kaum ernsthafte Alternativen. Immerhin wird inzwischen geimpft, sogar hier bei uns in Weilrod. Die Menschen im Seniorenheim Carpe diem in Hasselbach gehörten zu den Ersten und damit auch zu den Glücklichen, die in unserer Nähe geimpft werden konnten. Für alle weiteren über 80-jährigen, sollen die Impfungen Mitte Januar beginnen. Das lässt uns hoffen, dass wir die Pandemie in diesem Jahr wenigstens eindämmen können, wenn nicht sogar besiegen.

Die Lage ist ernst und stellt uns vor immer neue Herausforderungen. Jetzt müssen wir die zweite Infektionswelle bewältigen. Erneut sind Einschränkungen nötig, die nicht nur belastend sind, sondern auch existenzgefährdend. Einige Berufsgruppen und Betriebe sind dadurch verstärkt in Bedrängnis geraten. Natürlich ist unsere Hoffnung auf die Impfungen groß, doch so bald werden nicht in unsere alte Normalität zurückkehren können.

In unseren Kirchengemeinden mussten wir im zurückliegenden Jahr und sogar darüber hinaus bis heute auf vieles verzichten, dass für uns besonders wichtig ist. Die Gemeinschaft mit anderen Menschen, das Singen und Musizieren in unseren Gottesdiensten und Konzerten. Wir mussten darauf verzichten uns die Hand zu geben oder zu umarmen. Das ist uns nicht leicht gefallen, und viele Entscheidungen haben wir schweren Herzens getroffen, immer in der Absicht schlimmeres zu vermeiden. Doch Ich bin mir sicher, dass wir damit dazu beigetragen haben, einen schwereren Verlauf der Pandemie zu verhindern.

Vorsichtig und umsichtig müssen wir auch in diesem neuen Jahr sein. Sich gegenseitig zu schützen und aufeinander zu achten ist nicht nur ein Gebot christlicher Nächstenliebe, sondern ein Gebot der Stunde. Es gilt gerade für dieses Jahr und wird mit uns gehen. Einen ähnlichen Ton schlägt auch die Jahreslosung 2021 an.

„Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“

Lukas 6, 36

Sie kann uns vielleicht darin bestärken, die Corona-Pandemie als Herausforderung anzunehmen, in die Gott uns gestellt hat und auch hinausführen wird. Es gibt auch in einer Krise Wege und Möglichkeiten. Mit Gottes Hilfe werden wir auch in dieser Zeit bestehen können.

Die Barmherzigkeit, von der die Jahreslosung spricht, kann uns dabei helfen diese Krise menschlich zu gestalten und über manche Fehler hinwegzusehen, die wir natürlich nach wie vor machen werden. Auch wenn der Ton im Moment rauer wird, und immer wieder nach Schuldigen und Versäumnissen gesucht wird, hilft Barmherzigkeit uns, Verständnis zu entwickeln für unsere Nächsten, in ihrem besonderen Umfeld und ihrer Not.

Barmherzigkeit nach biblischem Verständnis bedeutet nicht einfach nur Mitleid zu haben oder achtsam zu sein, sondern es bedeutet auch Fehler zu verzeihen, um dadurch menschliches Zusammenleben im Angesicht Gottes zu ermöglichen. Es gilt Gnade vor Recht und „im Zweifel für den Angeklagten.“

Man kann Schulden bis auf den letzten Cent einfordern, und das ist gängige Praxis, man kann Strafen entschlossen einklagen und durchsetzen, man kann sie aber auch erlassen und im Sinne Jesu barmherzig sein. Da wir alle Fehler machen und schuldig werden, sind wir auch alle auf ein gnädiges und barmherziges Gegenüber angewiesen, das verzeiht und Leben schenkt. Ich glaube, wer das einmal erlebt hat, dem fällt es auch leichter anderen gegenüber barmherzig zu sein. „Leben und Leben lassen“, im Sinne von Schenken, könnte darum als Motto die Jahreslosung 2021 ergänzen und uns alle dazu ermutigen, barmherzig durchs Leben zu gehen. Die Corona-Krise wird hoffentlich bald überwunden werden, der Aufruf barmherzig zu sein, wird uns auch in Zukunft begleiten. Auf ein gesundes und beherztes Neues Jahr…