Seid geduldig in Trübsal

Noch immer dauert die Corona-Pandemie an. Unsere Geduld wird auf eine harte Probe gestellt. Es gibt vielleicht schlimmere Probleme, aber es nervt trotzdem: Homeoffice, immer zuhause bleiben zu müssen, kaum Menschen zu begegnen, keine Sportveranstaltungen und kein Gesang in der Kirche. Das Coronavirus beschäftigt uns schon ein Jahr lang und immer wieder sagen uns unsere Politikerinnen und Politiker, dass wir Geduld haben sollen. Geduldig sollen wir auf einen Impftermin warten und genauso geduldig den wieder verschärften Lockdown einhalten.

Bundeskanzlerin Angela Merkel bat vor Kurzem um Geduld und genauso der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Er sagte in einem Interview: „Ich würde meine Enkel auch so gern mal wiedersehen. Aber ich kann nur um Geduld bitten.“

Das sind wir, glaube ich, so nicht gewohnt, zur Geduld aufgefordert zu werden und geduldig zu sein. Normalerweise soll es bei uns im Alltag und im Beruf schnell gehen. Am besten ist, immer sofort. Und gerade auch die Digitalisierung, die uns vielleicht über die Krise hinweghelfen soll, sorgt für weitere Beschleunigung. Wir versuchen durch Multitasking Zeit einzusparen, wir nutzen Speed-Dating um den richtigen Partner/in zu finden, alles soll möglichst schnell gehen. Doch statt dadurch mehr Zeit zu haben, werden wir immer unzufriedener und reihen Termin an Termin. Und da man nicht alle Möglichkeiten wahrnehmen kann, hat man trotzdem das Gefühl, etwas verpasst zu haben.

Unser Lebenstempo ist in den letzten Jahrzehnten immer schneller geworden. Doch mit der Corona-Pandemie wird uns seit dem letzten Jahr eine Entschleunigung verordnet. Da ist auf ein Mal Geduld gefordert. Doch je mehr Zeit vergeht, um so ungeduldiger werden wir. Wir fühlen uns durch die geschlossenen Läden und in unserer Bewegungsfreiheit eingeschränkt, uns fehlt der soziale Kontakt und wir bangen um unsere berufliche und wirtschaftliche Zukunft. Und wenn wir dann fragen, wann ist das endlich vorbei, heißt es regelmäßig: Du musst Geduld haben! Bis Ostern bestimmt, wahrscheinlich bis zum Sommer. Keiner kann uns das genau sagen, wie lange wir uns noch gedulden müssen bis die Krise vorbei geht.

Jeder von uns, kennt dieses Gefühl. Wenn man im Wartezimmer bei Arzt sitzt oder im Stau steht, an der Kasse im Supermarkt, dass doch bitte jetzt irgendwann mal etwas passieren muss, wenn der Geduldsfaden reißt und die Nerven blank liegen. Es ist schwer mit diesen Gefühlen umzugehen, aber Geduld lässt sich einüben und lernen, man kann gar nicht früh genug damit beginnen.

Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beschäftigen sich schon lange mit der Frage, wie geduldig wir Menschen sind, und welche Auswirkungen das auf unser Leben hat. Matthias Sutter hat im Hinblick auf diese Fragen ein Experiment mit Kindern gemacht. Jeweils ein Vorschulkind war allein in einem Raum, vor sich ein geöffnetes Tütchen Gummibärchen. Der Versuchsleiter versprach ihm ein zweites Tütchen Gummibärchen, wenn es eine Viertelstunde aushält, dieses nicht zu essen. Das Ergebnis war, einige Kinder haben geduldig gewartet, anderen haben sofort zugegriffen. Die Forscherinnen und Forscher haben dann in Langzeitstudien das Leben dieser Kinder nachverfolgt und sind zu dem Ergebnis gekommen. „Geduld zahlt sich aus, nicht nur beim Warten auf Gummibärchen, sondern auch bei so Wichtigem wie der beruflichen Ausbildung oder der eigenen Gesundheit. Die wohl wichtigste Einsicht bestehe darin, dass das Ausmaß an Geduld und Selbstkontrolle in der Kindheit eine bemerkenswerte Vorhersagekraft für den weiteren Lebensweg habe.

Die Erfahrung abwarten zu können, kann uns dazu verhelfen, das Leben vertrauensvoll in die Hand zu nehmen, ohne doch alles in der Hand haben zu müssen. Wer die Erfahrung gemacht hat, dass Versprechen eingehalten werden, kann auch länger darauf warten. Doch wer materielle oder emotionale Not erlebt hat, nimmt lieber das, was da ist, anstatt sich auf eine unsichere Zusage zu verlassen.

Es ist wie in einem langen Tunnel. Wenn Du mittendrin steckst, siehst du die Hand nicht vor Augen und du hast Angst. In so einer angespannten Situation auf Vertrauen zu setzen ist schwer. Wir können schimpfen, wenn der Bus wieder einmal zu spät kommt. Doch was können wir daran ändern? Leider nichts? Was wir tun können ist, unser eigenen Blickwinkel zu verändern und innezuhalten.

Vielleicht hilft es uns dann, wenn wir uns klar machen, durch welche dunklen Täler wir schon gegangen sind, und wie wir daraus gekommen sind. Vielleicht hilft uns der Glaube, dass am Ende des Tunnels Licht sein wird. Wenn wir uns daran erinnern, dass es auch in anderen Situationen einen Ausweg gab, oder dass andere Menschen, dass auch schon durchgestanden haben, und wenn die dazu die Kraft hatten, warum nicht auch ich. Es wird sich nicht sofort alles ändern, wir müssen Wünsche aufschieben und Bedürfnisse zurückstellen, aber dadurch entstehen auch Freiräume, in denen sich unsere Zukunft auf unvorhersehbare Weise entwickeln kann.

Bis dahin, aber nicht nur da, ist Geduld gefragt. Der Apostel Paulus schreibt im Römerbrief:

„Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet.“ (Römer 12,12, Luther 2017). Ganz ähnlich klingt das in der Übersetzung der Basisbibel: „Freut euch, dass ihr Hoffnung habt. Bleibt standhaft, wenn ihr leiden müsst. Hört nicht auf zu beten.“

Diese Lebensphilosophie ist ebenso einfach wie tiefgründig. Sie hilft uns in schweren Zeiten und beschwingt uns in guten Zeiten, sie fordert Geduld von uns, und ermutigt uns zu hoffnungsvollen Gedanken.