Licht der Erinnerung

Wie lange noch? Seit Monaten schon diese Unsicherheit. Bei jedem Besuch, den ich mir vornehme bleibt trotz aller Vorkehrungen die Sorge, dass ich womöglich das Virus zu jemandem bringe.

Wie lange noch? Wir versuchen durchzuhalten. Im Vergleich zu vielen anderen kann ich in meinem Beruf als Pfarrer weiterarbeiten, wenn auch mit Einschränkungen und Vorbehalten. Andere sind mittlerweile in ihrer beruflichen und geschäftlichen Existenz bedroht. Ich bin dankbar, dass wir inzwischen gelernt haben mit der Situation umzugehen, trotzdem bleibt natürlich auch bei mir die Sehnsucht nach Normalität, wie auch immer sie aussehen mag.

Wie viele andere auch, hoffe ich, dass wir uns in naher Zukunft wieder unbeschwert und ausgelassen begegnen können, ohne die Angst sich anzustecken und ohne den Zwang Masken tragen zu müssen. Jeden Abend schaue ich mir die aktuellen Zahlen, Inzidenzwerte, Neuansteckungen und Todesfälle im Fernsehen an. Es ist, als ob wir in einem Traum gefangen wären, hypnotisiert von Zahlen und Ängsten.

Ich hoffe, dass wir alle schon bald geimpft werden können. Andere Lösungen sind nicht in Sicht. Die Krise hat uns alle ermüdet, und je länger sie dauert, um so unruhiger macht sie uns und zehrt an uns. Wie lange noch? Wann ist es endlich vorbei mit dieser Pandemie?

Viele Menschen fragen sich das. Heute wie damals. Heute sehnen wir das Ende einer Pandemie herbei, damals haben viele Menschen auf das Reich Gottes gewartet auf eine Wiederkehr Christi in Herrlichkeit. Doch die Erwartung trog. Und je länger sich die Ungewissheit hinzog, um so schwächer wurde die Hoffnung und der Glaube daran.

Deshalb mussten Hoffnung und Glaube neu entfacht werden. In einem Brief wollte Petrus den Menschen helfen besser mit der Gegenwart klar zukommen, um auch wieder zuversichtlicher in die Zukunft schauen zu können.

Petrus ging davon aus, dass es gut ist, sich zu erinnern. Erinnerungen sollten den Menschen durch die schwere Zeit helfen und eine Perspektive in die Zukunft gewähren. Die Gewissheit der Vergangenheit sollte die Ungewissheit der Zukunft erträglicher machen und das Vertrauen stärken.

Im 2. Petrusbrief heißt es:

„So gewinnen die prophetischen Worte für uns noch an Zuverlässigkeit. Und ihr tut gut daran, dass ihr darauf achtet. Denn diese Worte sind wie ein Licht, das an einem finsteren Ort brennt – bis der Tag anbricht und der Morgenstern in eurem Herzen aufgeht.“

2. Petrus 1,19

Die Erinnerung an vergangene Erlebnisse kann uns dabei helfen, mit der Gegenwart besser umzugehen. Es geht darum erlebte positive Gefühlszustände zu speichern und sich ihrer zu vergewissern, damit man sie bei Bedarf wieder spürbar machen kann. Es hilft uns, wenn wir uns eine Situation vergegenwärtigen, in der wir besonders glücklich und zufrieden gewesen sind. Je intensiver wir diese Erinnerung mit allen Sinnen noch einmal wahrnehmen und formen, um so stärker kann sie uns ermutigen und stärken. Wenn wir Gebete sprechen, die wir einmal gelernt haben, kommen mit den Gebeten, auch die damit verbundenen Gefühle in uns auf. Sie vermögen uns vielleicht zu trösten und zu ermuntern.

Auch Petrus und in seinem Gefolge, viele christlichen Gemeinden, knüpften an besonderen Erfahrungen an. An einem Erlebnis, das ihnen Halt und Freude schenkte, so wie einst die Verklärung und Auferstehung Jesu Christi. Und je mehr sie sich klar machten, was sie erlebt hatten, um so deutlicher wurde ihnen der Grund ihres Glaubens und ihrer Hoffnung. Christus war auferstanden und deshalb würden auch sie nicht untergehen. Christus lebte und darum, würden auch sie leben können. Christus hatte gelitten und den Tod besiegt, und auch sie litten momentan, aber sie würden standhalten und aufleben.

Erinnerungen helfen uns, in unserer jeweiligen Zeit klar zu kommen. Sie erinnern uns daran, dass wir Herausforderungen gewachsen sind und dass es etwas gibt, worauf wir aufbauen können. Diese Gedanken sind wie ein Licht, das an einem finsteren Ort brennt. Petrus hat recht. Bis es soweit ist, bis der Morgenstern aufgeht und damit die Zeit des Wartens und der Entbehrungen vorbeigeht, hilft uns das Licht der Erinnerung und des Gedenkens.

Der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sieht das ganz praktisch. Er bat die Bürgerinnen und Bürger ein Licht zum Gedenken an die Corona-Toten ins Fenster zu stellen und Fotos davon auf Twitter zu posten, als Zeichen des gemeinsamen Gedenkens und der Hoffnung.

Kategorien Gesellschaft

Hallo, ich heiße Peter Lehwalder und bin evangelischer Pfarrer. Ich liebe meine Arbeit und den Kontakt mit Menschen. In meiner Freizeit wandere ich gerne und laufe, ich mag Bücher und spiele Online-Rollenspiele. Ich bin neugierig auf Gott und die Welt.