Richtiges und falsches Fasten

Das Feiern ist jetzt erst einmal vorbei. Die Coronazeit bot dafür diesmal auch keine echte Gelegenheit. Mit dem Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit. Sie ist sieben Wochen lang und geht bis Ostern. Eine ganz schön lange Zeit, in der man sich vornehmen kann auf etwas zu verzichten und innezuhalten. Das tut gut und reinigt Körper und Seele. Die Fastenzeit bietet die Gelegenheit sich selbst und das Leben neu kennenzulernen und zu entdecken.

Worauf kann ich verzichten? Wovon bin ich abhängig? Wer darüber nachdenkt schärft seine Sinne für das, was wirklich wichtig ist und für das, was wir wirklich brauchen. Früher war das Fasten kirchlich und staatlich verordnet, heute ist es eine freiwillige Angelegenheit. Denn ich nehme mir die Freiheit auf etwas zu verzichten, es ist kein Zwang, niemand befiehlt es mir. Wenn ich freiwillig faste, spüre ich, wovon ich abhängig bin, aber auch was mich hält. Ich erlebe woran mein Herz hängt, was mich festhält aber auch eine ungekannte Freiheit den Dingen gegenüber. Ich kann etwas lassen und dadurch finde ich zu mehr Unabhängigkeit in meinem Leben. Ich kann da sein ohne etwas nutzen zu müssen und zu gebrauchen, es reicht mir, dass ich weiß, dass alles was ich zum Leben brauche da ist. Fasten führt vom Haben zum Sein.

In früheren Zeiten war Fasten nicht nur eine individuelle Angelegenheit, sondern auch eine öffentliche. Streng wurde auf die Einhaltung des Fastens geachtet. Bestraft wurden Menschen, die sich nicht an die Fastenordnungen hielten. Es gab keinen vollständigen Verzicht auf Nahrungsmittel, aber bestimmte Speisen, besonders Fleisch war nicht erlaubt. Besonders heftig wurde im März 1522 in Zürich über die Einhaltung der Fastenordnung gestritten. Damals traf sich eine Gruppe im Beisein des Reformators Zwingli zum Wurstessen. Im Hause des Druckers Christoph Froschauer wurde provokativ gegen das geltende Abstinenzgebot verstoßen. Der Reformator Huldrych Zwingli war zwar anwesend, nahm aber selbst nicht am Wurstessen teil. Daraufhin leitete der Züricher Rat eine Untersuchung ein. Es kam zu Unruhen und weiteren Diskussionen. Der Fastenbruch führte zu öffentlichem Streit. Befürworter und Gegner der Fastengebote beschimpften und verprügelten sich. Am Ende setzten sich die Fastenbrecher durch. Sie beriefen sich auf die Bibel und auf ihre evangelische Freiheit kirchlichen Satzungen gegenüber. Gefastet werden sollte nicht länger, um kirchlichen Verordnungen zu genügen, sondern aus innerer Überzeugung. Ein Jahr später wurden die kirchlichen Fastengebote in Zürich aufgehoben.

In der Bibel wird auch immer wieder gefastet. Regelmäßig gab es Fastentage, meistens um die Menschen zur Buße aufzurufen. Fasten sollte helfen in sich zu gehen und sich der eigenen Fehler bewusst zu werden. Auch die Fähigkeit sich selbst in Frage stellen zu können gehörte dazu, ebenso wie die Aussicht sein Leben korrigieren. Nicht zuletzt sah man im Fasten auch die Möglichkeit Gott um Vergebung bitten zu können und ein Schutz vor Strafe.

Das Fasten war mit bestimmten Riten und öffentlichen Auftritten verbunden, die eindrücklich vor Augen führten, wie ernst es die Menschen mit ihrem Bußwillen nahmen. Es wurde sich im Staub oder in Asche gewälzt oder mit Dreck beworfen, die Kleidung wurde zerrissen, man hat sich kasteit, auf die Brust geschlagen, das Haar geschoren und es gab auch genau Vorschriften, wie das zu geschehen habe.

Auf diese Fastenbräuche bezieht sich das Prophetenbuch Jesaja und kritisiert eindringlich:

„Siehe, wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein. So sollt ihr nicht fasten, wie ihr’s jetzt tut, wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll. Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit oder seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen?“

Jesaja 58

Für Jesaja ist die Antwort klar. Natürlich ist das kein Fasten an dem Gott gefallen haben könnte. Jesaja gibt sich selbst die Antwort:

„Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass frei, auf die du das Joch gelegt hast. Gib frei, die du bedrückst, brich mit dem Hungrigen dein Brot, wenn du einen nackt siehst so kleide ihn. Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte.“

Ich verstehe schon, was Jesaja meint und was er mit seiner Rede kritisiert. Rituale sind gut, sie können uns Menschen helfen und Halt geben, gerade im Angesicht von Trauer und Schmerz. Auch Bußübungen und Verzichte sind gut, denn sie weisen uns auf unsere Defizite hin und können uns dazu bewegen etwas neu und anders zu machen. Rituale lassen sich aber wie jede menschliche Handlung missbrauchen und pervertieren. Was eigentlich gut ist und auch gut gemeint ist, verkehrt sich dann ins Gegenteil.

Durch Fasten wird die Welt nicht besser, das stellt Jesaja klar. Vielleicht ändert sich meine eigene Einstellung zum Leben und zu mir selbst. Jesaja hat aber auch meinen Nächsten im Blick, dem mein persönliches Fasten egal sein wird, solange er selbst nicht genug zum Leben hat. Fastenrituale und Bußübungen sind wichtig für das eigene und das öffentliche Selbstverständnis, doch die soziale Not von anderen Menschen wird dadurch nicht unbedingt gelindert. Für die Propheten war wichtig, dass der Wille zur Umkehr, also die Fastenpraxis, sich auch im sozialen Miteinander zeigt. Man kann öffentliche Trauergottesdienste abhalten, mit eindringlichen Worten und Musikangeboten, man mag sich selbst sogar anklagen und Besserung geloben, doch was in ernster Absicht erklärt wird, muss sich anderen gegenüber auch erweisen. Die soziale Realität ist der Prüfstein unserer Worte und Veranstaltungen. Was im Angesicht Gottes versprochen wird, soll doch allen Menschen zugutekommen.

Jesaja (Kapitel 58 )hat es folgendermaßen zusammengefasst und gibt uns damit bis heute zu denken:

„Rufe laut, halte nicht an dich! Erhebe deine Stimme wie eine Posaune und verkündige meinem Volk seine Abtrünnigkeit und dem Hause Jakob seine Sünden!
2Sie suchen mich täglich und wollen gerne meine Wege wissen, als wären sie ein Volk, das die Gerechtigkeit schon getan und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte. Sie fordern von mir Recht, sie wollen, dass Gott ihnen nahe sei.
3»Warum fasten wir und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib und du willst’s nicht wissen?« Siehe, an dem Tag, da ihr fastet, geht ihr doch euren Geschäften nach und bedrückt alle eure Arbeiter.
4Siehe, wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein. Ihr sollt nicht so fasten, wie ihr jetzt tut, wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll.
5Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit oder seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der Herr Wohlgefallen hat?
6Ist nicht das ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg!
7Heißt das nicht: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!
8Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des Herrn wird deinen Zug beschließen.“

Jesaja 58