Genug verzichtet – Fasten in der Krise

Vorschau in neuem Tab

In der Zeit vor Ostern ist fasten angesagt. Die traditionelle Fastenzeit im Christentum erstreckt sich von Aschermittwoch bis Karsamstag, bis Anfang April. Die Sonntage werden dabei nicht mitgezählt.

Laut Umfrage der Krankenkasse DAK Gesundheit verzichteten 64 Prozent der Deutschen für mehrere Wochen gezielt auf ein bestimmtes Genussmittel oder auf Konsumgüter. Schon vor der Fastenzeit gaben mit 73 Prozent fast drei Viertel an, in diesem Jahr auf Alkohol verzichten zu wollen. Gerne wird auch auf Süßigkeiten verzichtet. 68 Prozent wollen in dieser Fastenzeit keine Süßigkeiten essen, auf Fleisch will sogar fast jeder Zweite verzichten. Dagegen ist die Bereitschaft auf das Smartphone oder das Internet zu verzichten gesunken. Im Hinblick auf die Corona-Pandemie ist es sicher verständlich, dass man sich der einzig verbliebenen Kontaktmöglichkeiten nicht berauben möchte. Viele wolle auch während der Fastenzeit das Auto stehen lassen und zu Fuß gehen oder mit dem Rad fahren.

Worauf werden Sie liebe Leserin, lieber Leser in dieser Fastenzeit verzichten? Auf Schokolade oder Alkohol? Auf zu viel Autofahren oder Internetkonsum? Oder geht es Ihnen wie vielen im Moment, dass sie angesichts der Pandemie und den damit verbundenen Einschränkungen genug haben von Verzicht und Entsagung?

„Ich faste und verzichte seit Monaten auf Kontakte, Geselligkeit, Gemeinschaft. In der Isolation jetzt auch noch auf das Stück Kuchen oder ein Schnitzel zu verzichten, auf gar keinen Fall! Das kommt nicht in Frage.“, Mit diesen Worten spricht eine interviewte Dame vielen Menschen aus dem Herzen.

Gerade weil wir während der Corona-Pandemie immer wieder gezwungen waren Einschränkungen hinzunehmen und auf liebgewordene Dinge zu verzichten, ist die Bereitschaft diesmal freiwillig auf etwas zu verzichten, diesmal verständlicherweise geringer als sonst. Die verordneten Kontaktbeschränkungen und Verbote greifen schon schwerwiegend genug in unser Leben ein. Sich darüber hinaus noch weitere Einschränkungen aufzuerlegen erscheint darum widersinnig und unzeitgemäß.

„Wir haben doch schon genug verzichtet,“ sagte eine ältere Dame vor kurzem in einem Fernsehinterview in der Fußgängerzone einer großen deutschen Stadt. „Worauf sollen wir denn noch alles verzichten?“ Die Lust auf Verzicht und Fasten ist diesmal begrenzt. Im Gegenteil wir möchten endlich wieder in die Vollen gehen. Einkaufen gehen, Party machen und das Leben genießen. Wir sehnen das Ende der Fastenzeit herbei und möchten diese nicht noch künstlich verlängern oder sie gar erschweren. Mit den momentanen Einschränkungen haben wir alle schon genug zu tun. Zu dem ist immer noch nicht absehbar wie lange der verordnete Fastenmodus noch dauern wird. Bis wir alle geimpft sind, wird es noch dauern und wie das in diesem Jahr mit unserem Urlaub wird, wer weiß das jetzt schon.

Aller Orten spürt man dieser Tage eine gewisse Ungeduld. Die Menschen möchten raus aus ihren vier Wänden und etwas erleben. Sie möchten gestalten und etwas in Gang setzen und nicht länger zwangsweise auf der „faulen Haut“ liegen. Noch weiteres fasten bedeutet hingegen Stillstand und lähmt. Die Frage ist allerdings auch, ob es uns gelingt aus der verordneten und eingewöhnten Bequemlichkeit des Homeoffice wieder herauszukommen. Auch wenn wir uns das sehr wünschen, ist es möglicherweise gar nicht so einfach und selbstverständlich. Wir werden uns umstellen müssen und wir werden Wege finden müssen wieder aus unserem Corona Kokon herauszukommen. Das Leben, der Alltag und die Freizeit müssen wieder neu organisiert werden. Ich glaube nicht, dass man einfach da weitermachen kann, wo man vor der Krise aufgehört hat. Inzwischen hat sich doch einiges verändert, und vielleicht auch unser Blick auf die Dinge und Angelegenheiten, die wir täglich zu erledigen haben. Möglicherweise nehmen wir unseren Alltag und unsere Arbeit bewusster wahr als früher.

Ob wir in diesem Jahr fasten oder nicht, ob wir genug gefastet haben oder noch zu wenig, viel wichtiger ist doch die Erkenntnis, dass wir durch Fasten und Verzicht unser Leben und unseren Alltag wieder bewusster wahrnehmen können. Durch die Entwöhnung von liebgewordenen Dingen und Ritualen, gewinnen wir einen Spielraum, der Neues ermöglicht. Wir erleben dabei, dass die Strukturen unseres Lebens, in ihren Ordnungen und Rhythmen nicht in Stein gemeißelt sind, sondern so wandelbar sind wie wir selbst.

Am Ende kommt es nicht darauf an, auf was wir verzichten, sondern darauf, was der Verzicht ermöglichen wird.