Wer seine Hand an den Pflug legt

Die Corona-Pandemie hält uns schon ganz schön lange in Atem. Vor ungefähr einem Jahr fing alles an, mitten im März, wir waren gerade auf Konfirmandenfreizeit. Dann kam der Shutdown mit einem Schlag. Die Schulen wurden geschlossen, die Gottesdienste abgesagt und Kontaktbeschränkungen erhoben. Das Wort „Shutdown“ kannte ich bis dato noch gar nicht. In den USA stand es für das Herunterfahren öffentlicher Einrichtungen infolge einer Haushaltssperre.

Doch was ein „Shutdown“ bedeutet, das haben wir inzwischen alle erfahren. Vieles von dem, was wir uns vorgenommen hatten, musste abgesagt werden. Pläne wurden über den Haufen geworfen. Es gab nur wenige öffentliche Veranstaltungen und davon waren die meisten nur medial. Private Feierlichkeiten? Pustekuchen! Es war wie es in einem Lied der Band Silbermond heißt „ein anderer Sommer“, unter anderen Vorzeichen und unter anderen Bedingungen. Das Leben, wie wir es kannten, war stillgelegt und auch unsere Hoffnungen auf ein baldiges Ende dieser Krise erwiesen sich als falsch. So sehr wir noch im Sommer darauf gehofft hatten, dass es nun wieder aufwärts gehen würde, so sehr haben wir uns in dieser Einschätzung getäuscht.

Im Sommer glaubten wir aufatmen zu können und die Krise im Griff zu haben, doch nach den Ferien nahm die Pandemie einen neuen Anlauf und bekam stattdessen unser öffentliches Leben wieder stärker in den Griff. Es wurde Weihnachten, aber es war kein Weihnachten wie sonst. Es wurde still um Weihnachten, wirklich eine „stille Nacht“. Der neuerliche Lockdown, um einmal das andere Wort synonym zu gebrauchen, führt uns an die Grenzen unserer Belastbarkeit. Psychisch, aber auch wirtschaftlich bedroht die Pandemie unsere Gesundheit und unsere Existenz in immer weniger auszuhaltender Weise. Viele fragen sich, wie lange das noch so gehen soll und wie lange wir das noch aushalten können.

Immerhin gibt es eine Impfperspektive. Schnelltests versprechen auch mehr Sicherheit und Freizügigkeit im Umgang mit der Infektionskrankheit. Mit der Politik sind wir, glaube ich, in einem Boot. Sollen wir lockern und gesellschaftliches Leben wieder mehr ermöglichen, Schulen öffnen und Kitas, Vereine wieder Sport treiben lassen, Lokale öffnen und Kinos? Oder sollen wir noch abwarten und die Pandemie weiter mit Einschränkungen bekämpfen, bis viele Menschen geimpft worden sind? Die Virusmutationen rufen uns zur Vorsicht, unsere Emotionen drängen dagegen auf Öffnung. Jetzt sind weitgehende Lockerungen vorgesehen, doch vielen gehen sie nicht weit genug, andere fürchten sich vor einer dritten Pandemiewelle.

Am Anfang habe ich gedacht, na ja, das wird schon wieder und im Sommer sah es auch so aus. Und ich habe mir überlegt „Vielleicht ist Corona auch eine Chance, längst überfälliges zu verändern.“ Immerhin hat die Krise zu einer Verbesserung unserer Klimabilanz beigetragen und durch das Homeoffice konnte eine ganze Menge an CO2 eingespart werden. Eine Krise hat also auch immer etwas Gutes.

Doch mittlerweile, da auch kein Ende abzusehen ist, bekommt auch das Gute einen faden Beigeschmack. Wahrscheinlich müssen wir uns darauf einstellen, dass es kein „nach“ Corona geben wird. Die Krise hält an und wir stecken immer noch darin fest. Es nervt und beängstigt gleichermaßen. Ob es wieder so wird wie früher, wie vor der Krise, ist fraglich. Normalität wird gesucht und gewünscht, obwohl unklar ist, wie diese Normalität in Zukunft für uns aussehen wird und ob alles beim Alten bleiben wird?

Der Wochenspruch für den dritten Sonntag der Passionszeit „Okuli“ spielt auf das Verhältnis von alt und neu, von Vergangenheit und Zukunft an. Glasklar verneint er rückwärtsgewandte Sichtweisen und erteilt halbherzigen Zukunftsplänen eine Absage. Im Lukasevangelium 9,62 heißt es:

„Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“

Das klingt ziemlich hart. Jesus hat diese Worte denen an den Kopf geworden, die ihm nachfolgen wollten. Zugleich hat er sie dadurch vor den Folgen dieser Nachfolge gewarnt, welche den Abbruch familiärer Bindungen mit einschließt, aber auch Heimatlosigkeit. Ein entschiedener Neuanfang war gefragt und kein sowohl als auch oder ein ja, aber. Insofern legt Jesus auch uns eine radikale Sichtweise der Dinge ans Herz, denn ungewöhnliche Zeiten, erfordern auch ungewöhnliche Maßnahmen. Und dass, was in normalen Zeiten üblich ist, wäre unter den besonderen Umständen einer Krise gefährlich und falsch.

Im Hinblick auf die Pandemie würde ich im Sinne Jesu formulieren: Es bringt nichts dem Alten hinterher zu trauern und sich immer nur mit dem zu beschäftigen, was war und was hätte sein können. Zurückzuschauen allein hilft uns in dieser Situation nicht weiter, Es gilt einen Schritt weiterzugehen und sich neu auszurichten, an dem, was jetzt dran ist. Wir denken dabei natürlich in erster Linie an die gegenwärtige Krise, aber es geht wie immer auch um das, was uns trägt und was uns wichtig ist. Wie wir leben möchten und welche Werte wir teilen. Für die Bibel wäre das ein reiches und gottgefälliges Leben in Menschlichkeit und Solidarität.

Was jetzt wichtig ist und darüber was jetzt dran ist, müssen wir uns verständigen. Pläne gelingen nur unter Vorbehalt, denn wir fahren immer noch auf kurze Sicht, auch wenn wir uns langfristige Pläne wünschen. Doch jeder Tag sorgt auch für das Seine. Wir können also in dieser Zeit jeweils nur Schritt für Schritt vorangehen, wie der Bauer mit der Hand am Pflug. Doch wir schauen nach vorne und suchen nach dem was nötig und was möglich ist. Der Blick zurück in die Vergangenheit hilft uns dabei nicht, sondern nur der Mut und das Gottvertrauen für neue Aufgaben neue Lösungen zu finden. Lassen sie uns wie Bauern nach vorne schauen und Schritt für Schritt einen Weg bahnen, und mit Hoffnung aussäen.

Dich Gott bitten wir,
erleuchte unser Herz, wenn es Abend wird
und sehen schwer fällt.
Lass uns Schritt für Schritt weiterkommen,
Hilf uns Rückschläge zu verkraften,
Gib dem Leben eine Richtung,
lass uns das Ziel finden
gib uns die Kraft anzufangen.
Erlöse uns von Bindungen,
die uns gefangen nehmen
und einengen,
Lass uns nicht in die Irre gehen,
oder auf der Stelle treten;
Bewege uns in deinem Geist,
Beschirme uns mit deiner Güte
Stärke uns in deiner Liebe,
Tröste uns sanft,
wo wir stehn und gehn,
bewahre und begleite uns.

Amen.