Monat: Dezember 2021

Dass alle Welt 
geimpft würde…

Liebe Gemeinde, die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukasevangelium beginnt mit dem Satz:

„Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. 2Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war. 3Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt.“

Unsere heutige Weihnachtsgeschichte im Jahre 2021 beginnt so ähnlich:

Es begab sich aber, dass ein Gebot von der Regierung ausging, dass alle Welt geimpft würde. Deshalb haben sich viele aufgemacht. Eine jede und ein jeder in seine und ihre Stadt.

Das wäre dann unsere Weihnachtsgeschichte und sie spiegelt wider, was uns in diesen Tagen bewegt, wenn wir an Weihnachten denken und unsere aktuelle Situation.

Verunsichert von vielen Zahlen und Appellen sind wir auf einem Weg in der Hoffnung, gesund zu bleiben und gleichzeitig uns selbst und andere zu schützen.

Wir haben uns aufgemacht, auf den guten Rat hin unserer Experten und Politikerinnen, und wir befolgen ihn meistens sofort, wenn auch nicht immer aus Überzeugung. Wir stellen uns in lange Schlangen vor den Impfzentren auf und hoffen darauf nicht weggeschickt zu werden. Es ist fast so wie bei der Herbergssuche in Bethlehem. Ob wir bald dran kommen? Ob es für uns einen Platz gibt oder eine Pause? Wir sind jetzt schon eine Weile unterwegs, und das Ziel schien schon näher gerückt zu sein. Aber immer wieder stellt sich heraus, dass der Weg noch nicht zu Ende ist, und wir immer noch nicht da sind, wo wir hinwollten. Viele sagen, dass diese Reise kein Kurzstreckenlauf ist, sondern ganz im Gegenteil ein Marathonlauf, deshalb brauchen wir immer wieder neu Geduld und Gottvertrauen.

Wir haben uns aufgemacht, vielleicht skeptisch, ob das wirklich etwas bringt, manche im treuen Glauben andere zähneknirschend, als sei das ein Eingriff in unsere Privatssphäre. Wir sind unterwegs so wie einst Maria und Josef, oder die Hirten auf dem Felde, und die Könige aus dem Morgenland, als verantwortungsbewusste Bürgerinnen, als Eltern und besorgte Großeltern.

Wir sind diesen Weg noch lange nicht gegangen, und von Freiwilligkeit kann wohl keine Rede sein. Aber wir nehmen unsere Pflicht und unsere Verantwortung, uns selbst und anderen gegenüber ernst. Wir möchten dazu beitragen, dass wir wieder alle in Gesundheit und Frieden miteinander leben können.

Die letzten beiden Jahre, auf die wir heute zurückblicken, haben vieles verändert, und die Welt wie wir sie kennen und lieben auf den Kopf gestellt.

Ich stelle mir vor, dass das Maria und Josef damals ganz ähnlich gegangen sein mag, als sie auf Befehl des Kaisers ihre Heimatstadt Nazareth verlassen mussten, um nach Bethlehem zur Volkszählung zu gehen. Sie werden sich das nicht ausgesucht haben, gerade auch angesichts der Schwangerschaft Marias.

So geschieht es immer wieder einmal im Laufe eines Lebens, dass uns solche Widerfahrnisse, die Pistole auf die Brust setzen und uns zum Handeln zwingen und uns nötigen, uns in Bewegung zu setzen.

Die Pandemie z. B. bis vor ein paar Jahren kannten wir so etwas nur vom Hörensagen und wähnten uns sicher davor, doch jetzt gibt uns die Pandemie die Regeln vor, so wie damals der Kaiser Augustus den Erlass zur Steuerschätzung. Es sind solche Ereignisse, die uns die Kontrolle aus den Händen nehmen und uns irgendwie auch hilflos nach Lösungen suchen lassen. Wahrscheinlich spüren wir das alle im Moment, wie wir die Kontrolle über unser Leben zu verlieren drohen, und wie andere oder anderes über uns hinweg entscheiden. Das macht traurig und ohnmächtig, aber andererseits auch ärgerlich, und manch einer ballt die Faust in der Tasche. Wahrscheinlich war Josef auch ärgerlich, als er seine Werkstatt und seine Arbeit zuhause im Stich lassen musste, für ihn hat das keinen Sinn ergeben, und nur der Kaiser würde davon schlussendlich profitieren. So wie ich mir Maria hingegen vorstelle, mag sie eher pragmatisch gedacht haben: Es muss sein und uns bleibt keine Wahl, aber irgendwie werden wir das schon schaffen, zusammen jedenfalls, die Reise wird nicht ewig dauern.

Es sind, glaube ich, auch heute diese Gedanken und Gefühle, die uns an Weihnachten begleiten. Da ist einerseits die Unsicherheit und die Frage ob das alles Sinn macht und wir wieder unser Leben wieder zurückbekommen? Da ist der Ärger über den Verlust unserer Souveränität, durch all die Einschränkungen und Kontaktbeschränkungen, und es gibt auch unter uns immer noch den trotzigen Mut, die Krise doch überstehen zu können und ebenso verantwortungsvoll wie mutig den Herausforderungen dieser Zeit Paroli zu bieten.

Das schließt die Rede von der Krise als Chance mit ein, ohne dadurch allerdings die Krise kleinzureden. Die Krise macht uns einsam, jeden von uns auf seine oder ihre Weise, und gleichzeitig verbindet sie uns auch, denn sie trifft uns alle und fordert uns auch alle.

Für Maria und Josef war es auch nicht einfach, einen Weg zu finden und nach Bethlehem zu kommen. Ohne besondere Ausrüstung und Wegzehrung, mag ihnen der Weg schwer vorgekommen sein, und ich bin mir sicher ohne die mutmachenden Worte eines Engels hätten sie sich nicht so weit vorgewagt und wären vielleicht auch nicht angekommen. Josef hätte am liebsten die Flucht ergriffen und hätte Maria ihrem Schicksal überlassen. Aber dann siegte doch in ihm die Liebe zu Maria und sein Verantwortungsgefühl ihr gegenüber. Und als Maria ihre Schwangerschaft entdeckte, wusste sie auch nicht wie sie damit umgehen sollte, und wie das werden würde. Für beide war es eine verzwickte Situation, die sich nicht durch menschliche Anstrengung auflösen ließ. Wenn es scheinbar nicht mehr weitergeht und eine klare Lösung nicht in Sicht ist.

In der Bibel sind es schließlich die Engel, die dem heiligen Paar den Weg bereiten und ihnen weiterhelfen. Sie helfen den beiden, Schritt für Schritt weiterzukommen, aufeinander zu achten und füreinander dazusein. So wächst mit dem Weg auch ihr Gottvertrauen und mit der Zeit auch der Glaube an die göttliche Fürsorge.

Wir sind auch dabei einen Weg durch die Krise zu finden. Die ersten Schritte sind dabei meistens die schwersten. Wir sind in ungesichertes Terrain geraten und fahren auf Sicht, aber mit der Zeit wächst auch wieder das Vertrauen, in die eigene Kraft, in die Erfahrung der Experten und in die Verlässlichkeit Gottes. Es gibt Rückschläge, aber es gibt auch Ruhepausen und Oasen in der Wüste. Die Dunkelheit bedroht uns, aber über uns leuchten doch die Sterne.

Oft ist es so, dass sich eine Lösung anbahnt, wenn wir am wenigsten damit rechnen, oder dass wir Hilfe finden, wo wir keine für möglich gehalten hätten. Die Wende ist dann wenn sie geschieht, nicht allein das Ergebnis menschlicher Anstrengungen sondern ebenso sehr ein Ereignis wunderbarer Fügung.

In der dunkelsten Stunde strahlt das Licht am hellsten. Von diesem Licht, von diesem Hoffnungsschimmer erzählt die Weihnachtsgeschichte. In der Nacht wird die Hoffnung auf Erlösung von neuem geboren.

Im Nachhinein ist es gar nicht so leicht zu sagen, woher denn die Kraft zu einem Neuanfang gekommen ist und warum man festen Boden unter den Füßen spürt und daran glaubt, dass man etwas erreichen und bewältigen kann. Es mag diesem Moment der Hoffnung schon vieles vorausgegangen sein. Unsere Hoffnung nährt sich ja nicht nur durch eine einzelnen Begebenheit, meistens sind es viele kleine, die sich summieren und irgendwann den Ausschlag geben. Im Verborgenen wächst vieles unerkannt heran, bis uns dann deutlich vor Augen kommt, und die Hoffnung wieder einen Grund findet.

Die Weihnachtsgeschichte setzt all ihre Hoffnung auf ein neugeborenes Kind. Es ändert nichts an den äußeren Umständen, an der Krise und an der Nacht, aber es hilft uns die Welt mit anderen Augen zu sehen, vertrauensvoller, so wie Kinder sich der Fürsorge ihrer Eltern gewiss sind. Ein neugeborenes Kind zeigt uns, dass alles gut werden kann und dass auch wir noch einmal von vorne anfangen können, zu glauben, zu hoffen und zu lieben.

Das Geschenk neues Lebens zeigt, wie Gott Wege findet, wo wir uns fürchten und resignieren. Die Engel wollen uns mit der Angst auch die Furcht nehmen und geben unserer Hoffnung Nahrung. Ja so fängt das Leben an, ob es genehm ist oder nicht, ob es gefällt oder nicht, ob wir darauf bauen oder nicht. Gott findet einen Weg und schenkt Leben in Licht und Dunkelheit. Es gibt viele Gründe sich zu fürchten, es gibt aber auch ebenso viele Wege aus der Angst. Mit der Geburt des göttlichen Kindes weckt Gott in uns alles Gute und schenkt uns die Möglichkeit neu zu beginnen, vielleicht einen neuen Weg zu finden. Hoffnung stiftet Neuland, das nun von uns betreten werden wird. Weihnachten ist das Fest der Erneuerung, es erneuert uns und es erneuert unseren Bund mit dem Ewigen, gelobt sei er in Ewigkeit. Amen.